Die „Waldfamilie“ spaltet Italien: Jetzt schaltet sich Ministerpräsidentin Meloni ein
Am Ende meldete sich sogar der italienische Verkehrsminister zu Wort. Matteo Salvini kündigte an, die gebeutelte „Waldfamilie“ in der Region Abruzzen zu besuchen. Die drei Kinder hätten jahrelang glücklich gelebt, jetzt seien sie „verzweifelt“. Der Chef der rechten Lega appellierte an alle Menschen mit Herz, dieser Form „institutioneller Gewalt“ ein Ende zu setzen. Auch Ministerpräsidentin Giorgia Meloni kommentierte den immer drastischeren Fall des Sorgerechtsentzugs der Hippie-Familie. Die Justiz habe ihre Grenzen überschritten, sagte Meloni. Es sei nicht ihre Aufgabe, Eltern zu ersetzen oder einen Lebensstil aufzuzwingen, der auf „ideologischen Standards“ beruht. „Stoppt diese Richter, sie schaden Kindern“, titelte die regierungstreue Zeitung La Verità am Dienstag.
Ganz Italien verfolgt das dramatische Schicksal der „Waldfamilie“ von Palmoli. Das Jugendgericht der Stadt L‘Aquila hatte den Eltern im November das Sorgerecht entzogen und die drei Kinder in ein Heim in der Stadt Vasto verwiesen. Vergangenen Freitag verfügten die Richter sogar die Entfernung der Mutter aus dem Heim. Nun nutzt die Regierung Meloni den Fall für ihre Zwecke, sie zielt auf die Delegitimierung der Justiz insgesamt. Der Hintergrund: Am 22. und 23. März sind die Italienerinnen und Italiener zu einer Abstimmung über eine Justizreform aufgerufen.
Kritiker behaupten, Meloni und Co. wollten die Justiz stärker kontrollieren
Kern der Reform ist die Karrieretrennung von Richtern und Staatsanwaltschaft, Hauptmotiv der Regierung dürfte die Entpolitisierung der italienischen Richter und Staatsanwälte sein. Kritiker behaupten, Meloni und Co. wollten die Justiz stärker kontrollieren. Immer wieder kritisierte die Exekutive Richterentscheidungen, zum Beispiel wenn Abschiebungen irregulär eingereister Flüchtlinge von Gerichten blockiert wurden. Die Urteile wurden als Boykott der Regierungspolitik ausgelegt. Die Rechte strebt seit den Zeiten Silvio Berlusconis eine entsprechende Justizreform an. Die Rede ist von linksorientierten Richtern und Staatsanwälten, sogenannten „roten Roben“.
Der Fall Palmoli hat auf den ersten Blick nichts damit zu tun. Das Jugendgericht in L‘Aquila griff hart in den alternativen Lebensentwurf der Familie ein. Als Begründung wurden hygienische, soziale und schulische Versäumnisse angegeben. Das Wohl der Kinder – eine achtjährige Tochter sowie sechsjährige Zwillingsbrüder – sei nicht gewährleistet. Im Heim prallten die Vorstellungen des Pflegepersonals und der Mutter aufeinander, die Richter entschieden ihren Ausschluss aus der Einrichtung. Vater Nathan darf seine Kinder dreimal pro Woche besuchen.
Melonis Behauptung, die Richter hätten „ideologisch“ entschieden, bleibt bislang unbelegt. Fraglich ist auch, was „ideologisch“ in diesem Zusammenhang überhaupt bedeuten soll. Allerdings wurde nun bekannt, dass die Vorsitzende Jugendrichterin Cecilia Angrisano der progressiven Richter-Vereinigung „Magistratura democratica“ angehört und ihre Kollegin Nicoletta Orlandi fünf Jahre lang Parlamentsabgeordnete der kommunistischen Partei PCI war. Beide Richterinnen entsprechen damit dem Stereotyp der von der Regierung angefeindeten „roten Roben“. Justizminister Carlo Nordio kündigte eine Untersuchung des Falls an.
Ein Neuropsychiater zeigte sich „fassungslos“ über die Gerichtsentscheidungen
In einer Erklärung wehrte sich Angrisano gegen die „aggressiven Töne“ aus der Politik. Die Entfernung von Minderjährigen aus dem familiären Umfeld „entspringt keiner ideologischen oder vorurteilsbehafteten Haltung“, sondern zielten stets auf das Wohl der Kinder ab. Psychologen bezweifeln diesen Effekt allerdings im vorliegenden Fall.
Der Neuropsychiater und Kinderarzt Massimo Ammaniti von der Universität La Sapienza in Rom zeigte sich „fassungslos“ über die Gerichtsentscheidungen. Die familiäre Bindung der Kinder sei ihr „wichtigster Bezugspunkt“. Eine Trennung sei nur bei Misshandlung oder ernsthafter Gefahr gerechtfertigt. Der alternative Lebensstil der Familie könne nicht als eine solche Gefahr eingestuft werden: „Heutzutage gibt es Familien, die ihre Kinder jeden Nachmittag vor Tablets oder Videospielen sitzen lassen.“ Diese Familien gelten jedoch als regelkonform und werden nicht als ungeeignet für die Kindererziehung angesehen. „Im Gegensatz dazu gelten diejenigen, die ihre Kinder naturnah und im Kontakt mit Tieren erziehen, als ungeeignet für die Elternschaft.“
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