„Es ist wirklich irre“: Krause siegt und ist Münchens erster grüner OB
„Weil mehr geht!“: Wie eine Beschwörungsformel stand dieser Satz über der Bühne zu lesen. Und dann ging mehr: Um kurz nach 18.30 Uhr wurde am Sonntag auf der Wahlkampfparty von Münchens Grünen der erste Zwischenstand der Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt verlesen: 59,1 Prozent für Dominik Krause, das Denkmal Dieter Reiter (SPD) im freien Fall. Der Rest waren Jubelschreie und geballte Fäuste.
„Letzter Tag meiner politischen Karriere“: Münchner Noch-OB Reiter gratuliert Grünen-Herausforderer Krause
Ingrid Fuchs und René Lauer| 22 Kommentare
Die Grünen, die erstmals vor einem Jahr in Würzburg das Rathaus einer bayerischen Großstadt erobert hatten, haben das nun auch in der Landeshauptstadt geschafft. Krause ist der erste Grünen-OB dort. Als alle 926 Wahlbezirke ausgezählt sind, kommt der 35 Jahre alte Krause auf 56,4 Prozent der Stimmen. Reiter erreicht 43,6 Prozent.
Münchens neuer OB Dominik Krause: „Es ist wirklich irre“
„Es ist wirklich irre.“ Das waren die ersten Worte des neuen Münchner Oberbürgermeisters, nachdem er sich seinen Weg durch jubelnde und tanzende Menschentrauben gebahnt hatte. Er bezeichnete seinen Sieg als Sensation, allerdings habe in den zwei Wochen vor der Stichwahl „eine besondere Atmosphäre“ geherrscht. Krause: „Das ist der helle Wahnsinn.“ Krause dankte dem unterlegenen Amtsinhaber Reiter, der zu diesem Zeitpunkt längst frustriert die Wahlparty der SPD verlassen hatte, für einen fairen Wahlkampf.
Die Grünen: im Glückstaumel. Dazu trugen auch die Erfolgsmeldungen aus anderen Orten wie Neuburg oder Landsberg bei. Grünen-Vorsitzende Gisela Sengl versuchte gar nicht erst, gefasst zu klingen: „Ich bin geflasht.“ Und Landtagsfraktionschefin Katharina Schulze faltete immer wieder die Hände wie zum Gebet, doch göttlichen Beistand brauchte ihre Partei an diesem historischen Wahlabend nicht.
Stichwahl in München, Augsburg, Kempten: Ein Denkzettel für die Amtsinhaber, ein Debakel für die CSU
Im Endspurt vor der Stichwahl hatten die Grünen noch einmal Gas gegeben, weil sie die Wechselstimmung spürten. 200.000 Flyer brachten sie unters Wahlvolk, Krauses Account wurde bei Instagram fünf Millionen Mal aufgerufen. In den beiden Wochen zwischen den Wahlgängen hatten die Kandidaten zuallererst versucht, ihre Stammwählerschaft zu motivieren. Dabei hatte Amtsinhaber Reiter das größere Potenzial – zumindest theoretisch.
„Watsch'n“: Dieter Reiter erlebt ein Wahl-Debakel in München
Praktisch siegte Krause mit deutlichem Vorsprung und gab sich in der Stunde des größten Triumphs der Grünen in Bayern bescheiden. Keineswegs sei er der neue Star der Partei im Freistaat. „Ich habe Demut vor dem Amt.“ Die Münchnerinnen und Münchner hätten den Wandel gewählt, das wolle er jetzt angehen – zuvor aber sollen über die Osterferien noch ein paar Tage Urlaub in Südtirol drin sein.
Der unterlegene Reiter hatte in den Tagen vor der Wahl mit einer regelrechten „Demuts-Kampagne“ versucht, das verlorene Vertrauen wiederherzustellen. Für den Endspurt im Wahlkampf nahm er Urlaub, von seinen Ämtern beim FC Bayern trat Reiter zurück und kündigte an, die 90.000 Euro, die ihm der Fußballverein gezahlt hatte, zu spenden.
Reiter war wegen seiner Tätigkeit für den FC Bayern und seinen Umgang damit kurz vor der Kommunalwahl massiv in die Kritik geraten, weil er sich diese nicht vom Stadtrat hatte genehmigen lassen. Im ersten Wahlgang am 8. März bekam er nur 35,6 Prozent der Stimmen und damit rund zwölf Prozentpunkte weniger als 2020. Krause lief mit 29,5 Prozent auf Platz zwei ein. Reiter räumte ein, dass sein schlechtes Ergebnis auch auf einen zu sehr auf ihn zugeschnittenen Wahlkampf zurückzuführen sei und sprach im Vorfeld von einer „Watsch’n, die es gebraucht hat“. Nun ist daraus ein K.-o.-Schlag geworden.
Wie groß der Einfluss der Bayern-Affäre auf den Wahlausgang war, darüber wolle er nicht spekulieren, sagte Sieger Krause gegenüber unserer Redaktion, während wenige Meter hinter ihm völlig losgelöste Grünen-Anhänger Polonaise tanzten.
Wenig geholfen hatte dem angeschlagenen Amtsinhaber die Unterstützung der CSU. Vor der Stichwahl hatten die Christsozialen eine Wahlempfehlung für Reiter abgegeben – das dürfte auch im Sinne von Parteichef Markus Söder gewesen sein, der wenig von einer Zusammenarbeit mit den Grünen hält. Nun wird er es aber versuchen müssen bei gemeinsamen Vorhaben von Landesregierung und Landeshauptstadt.
Grüne: „Wir sind die Nummer eins in der Stadt“
An erster Stelle ist dabei die Olympia-Bewerbung zu nennen, für die sich auch der Grüne Krause ausgesprochen hat. Größer sind schon die Unterschiede bei der Automobilausstellung IAA, die auch die Staatsregierung gerne in der Landeshauptstadt sieht. Der passionierte Radfahrer Krause will dafür keine öffentlichen Flächen in der Innenstadt zur Verfügung stellen.
Auch wenn die Frage nach dem Chef im Rathaus nun entschieden ist, die Mehrheitsverhältnisse dort sind kompliziert. Klar ist nur, an den Grünen als stärkster Fraktion wird kein Weg vorbeiführen. „Wir sind die Nummer eins in der Stadt“, verkündete der Grünen-Fraktionschef Sebastian Weisenburger – und da widerspricht seit Sonntag keiner mehr.
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