Knapp am Ziel vorbei reformiert
Lautstark begleitet von der Apothekenlobby passierte am Freitag das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz in erster Lesung den Bundestag. Eine der Debatten dreht sich um sogenannte pharmazeutische Dienstleistungen (pDL), mit denen Apotheken seit Sommer 2022 neue Verdienstmöglichkeiten eröffnet wurden. Darunter sind Blutdruckkontrollen oder das Üben mit Inhalationstechnik. Allerdings fand das nicht so viel Anklang bei den Apothekern wie erhofft: der pDL-Topf enthält bis zu 600 Millionen Euro, die nicht in Anspruch genommen wurden. Das neue Gesetz will diese umwidmen zur Finanzierung von bestimmten Notdiensten. Weitere Änderungen soll es unter anderem beim Impfen in Apotheken geben.
Rechnet man Covid-19- und Grippeimpfungen zusammen, lag die Zahl der Apotheken mit Impfangeboten nie über 2000. Indessen gibt es etwa 16 000 Apotheken. Wenn aber zum Beispiel weniger als eine von zehn Apotheken im städtischen Umfeld überhaupt so ein Angebot macht und dieses dann nur an zwei Tagen in der Woche zwischen zehn und 14 Uhr und nach Voranmeldung, dann muss man sich schon fragen, ob die Apotheker das überhaupt wollen. Und die Impfinteressenten nicht besser die offenen Impfsprechstunden von Hausärzten nutzen. Der Vorteil dort: Die Ärzte kennen ihre Patienten, sie haben Impflücken im Fokus, sie beraten individuell.
Das Beispiel deutet darauf hin, dass Geschenke an die Apothekerschaft nicht zwingend die Form zusätzlich möglicher Leistungen haben sollten. Das trifft ebenso für die Möglichkeit zu, dass Apotheken rezeptpflichtige Medikamente in bestimmten Fällen auch ohne Rezept abgeben können. Spätestens an diesem Punkt ist der Protest der Ärzte unüberhörbar.
Das Gesetz zur Apothekenreform will nun aber noch weitere Impfungen in die Hände der Pharmazeuten legen (FSME und Tetanus) und einige Vorschriften flexibler fassen. Die Krankenkassen wären zufrieden, wenn die Kosten für sie insgesamt nicht weiter steigen. Aber die Versorgungslandschaft wird immer kleinteiliger. Es wäre mehr erreicht, wenn nach einer Reform Apothekerinnen und Apotheker zuverlässig flächendeckend und vor Ort zu ihren Produkten beraten können. Ob für dieses Kerngeschäft die Rezeptpauschale wirklich erhöht werden muss, wie von der Berufsgruppe gefordert und bislang nicht erhört, ist noch die Frage.
