Baden-Württemberg: Mit drei Lettern zum Sieg
Was bin ich froh, dass ich kein Politiker bin. Wählerbeschimpfung gilt in deren Branche als mindestens so großes Vergehen, wie den mündigen Bürgern unangenehme Wahrheiten beizubringen. Mich muss keiner wählen, mich würde auch keiner wählen. Also gebe ich hier unumwunden zu, dass mein erster Gedanke am Sonntag um 18 Uhr der gleiche ist wie jetzt, viele Stunden später: Die Leute sind zu blöd. Zwei Deutsche sind bekanntlich dümmer als einer, im Südwesten ist’s doppelt so arg.
Wobei: Sieben Wörter sind vielleicht schon zu viel. Der Wahlkampf ist mit deutlich weniger ausgekommen. Der siegreiche Kandidat ließ nicht drei Wörter plakatieren, sondern drei Buchstaben: »Cem«. Hat gereicht, zumal Cem eben nicht Manuel (sechs Buchstaben, zwei Rehaugen) ist. Der hatte auch ein Programm: Wirtschaft wichtig. Mit Cem regieren noch wichtiger.
Abgestraft wurden hingegen die Parteien, die versucht haben, bei einer Landtagswahl politische Themen zu diskutieren. SPD, Linke und BSW beispielsweise, die es zusammen auf elf Prozent bringen – ein Viertel des Stimmenanteils in den zivilisierten Bundesländern. Aber auch die FDP, die sich auf ihren Plakaten als zweite Satirepartei neben der »Partei« gerierte und »Wählt bezahlbares Wohnen. FDP« drucken ließ. Die aber wirklich eine Agenda hatte, wenngleich eine schlimme.
Christoph Ruf ist freier Autor und beobachtet in seiner wöchentlichen nd-Kolumne »Platzverhältnisse« politische und sportliche Begebenheiten.
Hingegen wollte die SPD die grün-schwarzen Aussitzer inhaltlich stellen: Von der Bildungspolitik bis zur Windkraft gab es eigentlich auch genug Angriffsfläche. Nur dass solche Themen halt niemanden interessiert haben, die größeren Medien schon mal gar nicht. Wie auch? War doch am Sonntag schon bei den Schalten zu den grünen Wahlpartys in jeder Sekunde zu spüren, mit wem die Korrespondentinnen so sympathisieren. Das künftig ein klein wenig besser zu verbergen, wäre keine dumme Idee. Es wäre dann nicht immer so schwer, die Öffentlich-Rechtlichen gegen den Vorwurf der Parteilichkeit in Schutz zu nehmen.
Diese Wahl habe sich angefühlt wie eine OB-Wahl, sagte der scheidende Sozi Andreas Stoch jedenfalls in den grob geschätzt 14 Sekunden, die ihm blieben, ehe man zum elften Mal zu Özdemir schaltete. Es sei nur noch um die Kandidaten der großen Parteien gegangen, so Stoch. So war es. Praktisch für die Wahlentscheidung, die man ähnlich komplex begründen kann wie die Antwort auf die Frage, ob man lieber Coca Cola oder Pepsi trinkt. Und praktisch für die zweite Reihe in der Politik, die seit jeher nicht viel mehr können muss als einen Charakter zu haben, mit dem man in anderen Zusammenhängen Probleme bekommt.
Nachhilfeunterricht gibt die Grüne Zoe Mayer, die ein acht Jahre altes Video, in dem Hagel sich über die »Rehaugen« einer Schülerin ausließ, wenige Tage vor der Wahl gepostet hat. Ihr kann von der CDU noch so oft eine »Schmutzkampagne« vorggeworfen werden. Innerparteilich wird ihr der Doppelpass mit einem Kandidaten, der unmittelbar vorm Wahltermin heiratet, nicht schaden.
Und so ist dann auch das eigentlich Fatale an der Nicht-Wahl vom Sonntag, dass die Politprofis in den anderen 15 Bundesländern sehr schnell aus ihr lernen werden. Aus Baden-Württemberg werden sie ihre Lehre ziehen – und ihre Leere.
