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„Dieser Krieg ist nach meinem Dafürhalten völkerrechtswidrig“

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25.03.2026

25. März 2026 – 7. Nissan 5786

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»Dieser Krieg ist nach meinem Dafürhalten völkerrechtswidrig«

Bundespräsident Steinmeier verurteilte im Auswärtigen Amt den Krieg Israels und der USA. Wir dokumentieren seine Rede

 25.03.2026 13:43 Uhr

Ein vertrauter Anblick, dieser Weltsaal. Schon sein Name markiert einen Anspruch, ein Ambitionsniveau für den aufregenden, immer herausfordernden, manchmal überfordernden Dienst in diesem Amt: die ganze Welt im Blick zu haben. Das ist Ihr Job!

Ich bin Ihnen, Herr Wadephul, sehr dankbar für die Einladung. Sie ist Ausdruck unserer freundschaftlichen Zusammenarbeit, und sie gibt mir Gelegenheit, diesem ehrwürdigen Haus zum Geburtstag zu gratulieren und den Beschäftigten meinen Dank und meinen Respekt auszudrücken. Also: großen Dank und herzlichen Glückwunsch zum 75.!

Die Geschichte des Auswärtigen Amtes ist ihre Geschichte, die Geschichte der Menschen, die unser Land in der Welt vertreten und die in 75 Jahren – durch ihre Arbeit und ebenso sehr durch ihre Persönlichkeit, ihre Menschlichkeit, ihre Integrität – Vertrauen in unser Land haben wachsen lassen. Dieses neue Vertrauen nach der totalen politischen und moralischen Zerrüttung Nazi-Deutschlands war und ist Grundlage für die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik.

Ich selbst habe – als Minister hier im Hause, aber ebenso im Kanzleramt, im Deutschen Bundestag und jetzt seit fast zehn Jahren als Bundespräsident – ganze Generationen von Diplomatinnen und Diplomaten, von Beschäftigten aller Laufbahnen, kennen und schätzen gelernt. Nicht wenige zählen zu meinen engsten Wegbegleitern und Freunden.

Liebe Beschäftigte, ich weiß, dass für Sie alle der Auswärtige Dienst mehr ist als ein Job. Der Auswärtige Dienst ist eine Lebensentscheidung, ein Lebensmodell, für Sie und Ihre Familien, oft ein schönes und aufregendes, oft kein einfaches – in jedem Fall eines, das überragend wichtig ist und bleibt für unser Land.

Die Geschichte des Auswärtigen Amtes ist von Ihnen, von Menschen gemacht – und auch die Zukunft des Auswärtigen Amts wird von Menschen geschrieben. Künstliche Intelligenz mag nützlich sein – in der Bewältigung von Sprechzetteln etwa, ihrer Vielzahl, manche sagen Überzahl, zu der natürlich auch die Anforderungen des Bundespräsidenten beitragen – ich bekenne meine Mitschuld.

Aber gerade in dieser Gegenwart, in diesem atemlosen, hochgefährlichen Moment, inmitten von politischer und technologischer Dauer-Disruption, braucht es Sie, braucht es kluge Diplomatinnen und Diplomaten, mit Urteilsvermögen, Kommunikationsfähigkeit und Integrität. Und wenn auch manche die Diplomatie aktuell für schwach und unwichtig halten: In dieser Zeit von Krisen und Konflikten brauchen wir mehr Diplomatie, nicht weniger!

Wie schön, dass bei dieser Geburtstagsfeier die nächste Generation von Diplomatinnen und Diplomaten eine Hauptrolle spielt. Liebe Anwärterinnen und Anwärter: Ich habe allergrößten Respekt vor Ihrer Berufsentscheidung. Ich freue mich, dass Sie gerade in dieser Weltlage, in diesem weiß Gott nicht einfachen Moment, sagen: Ja zur Arbeit für unser Land, Ja zum Auswärtigen Dienst!

Bei mir selbst – wenn Sie einen kurzen historischen Ausflug gestatten – liegt meine Entscheidung für ein sehr politisches Leben gut fünfunddreißig Jahre zurück. Bis 1989 habe ich mir den Verbleib in der Wissenschaft gut vorstellen können. Im Herbst 1989 war ich gerade im Schlusskapitel meiner Promotion, als die Mauer fiel. Eine Zeit voller Möglichkeiten, voller Zuversicht lag vor uns. Die deutsche Glücksgeschichte nach dem Krieg – Neuanfang, Wirtschaftswunder, Aussöhnung, europäische Integration, schließlich Wiedervereinigung – alles das schien damals, in den frühen 1990er Jahren, geradezu linear in die Welt und in die Zukunft auszustrahlen: mehr Frieden, mehr Freiheit, mehr Demokratie. Wir, ich selbst, vielleicht auch einige der älteren Kolleginnen und Kollegen hier im Saal, wollten Teil dieser Entwicklung sein. Wir wollten ohne Naivität und mit viel Energie mitbauen an dieser Welt, die von Tag zu Tag ein Stückchen besser werden und die dabei ein Stückchen mitnehmen sollte von der Erfahrung des deutschen Glücksfalls.

Der Kontrast zu heute könnte kaum größer sein. Zuversicht ist ein äußerst knappes Gut geworden, erst recht hier in der Mitte Europas. Die Welt um uns scheint jeden Tag ein Stück gefährlicher, brutaler, mindestens irrationaler. Und in demselben Maße, in dem die internationale Ordnung, für die wir einstehen, Tag um Tag zerfällt, so scheinen wir, Deutschland, Tag um Tag weiter an den Rand der globalen Geschicke gedrängt. Zugespitzt formuliert: Je größer unser Entsetzen über den Lauf der Weltpolitik, umso größer unser Unvermögen, daran etwas zu ändern. Braucht es den Auswärtigen Dienst auch in Zukunft noch? steht als Leitfrage über der Diskussion im zweiten Teil dieser Veranstaltung. Eine mutige, eine ehrliche Frage für eine Jubiläumsfeier, aber eine, schon weil sie gestellt wird, die besorgt.

Ivan Krastev hat kürzlich die Beobachtung angestellt, dass Deutschlands heutige Schwierigkeiten paradoxerweise nicht Folge des Scheiterns, sondern des Erfolgs der Politik unserer Nachkriegsgeschichte seien. Gerade weil die Lehren des Zweiten Weltkrieges für immer eingebrannt, gerade weil Krieg in Europa undenkbar geworden schien – gerade deshalb tun wir Deutsche uns schwer, wenn rohe Machtpolitik zurückkehrt, wenn Völkerrecht missachtet wird und bei vielen die historische Erinnerung offenbar nicht mal mehr bis Irak, Libyen, oder Afghanistan zurückreicht.

Kurzum: Deutsche Außenpolitik steht vor einer fundamentalen Neuorientierung. Die Welt in unseren Köpfen muss neu kartographiert werden.

Im Moment dieser historischen Herausforderung leisten Sie, liebe Beschäftigte hier im Saal und die vielen an den Auslandsvertretungen, Ihren Dienst für unser Land. Die Umstände sind natürlich völlig andere als 1951 oder im Kalten Krieg, aber die strategische Herausforderung ist möglicherweise nicht kleiner als für jene, die damals, vor 75 Jahren, den Weg in eine neue, friedliche, vertrauensbildende Außenpolitik der Bundesrepublik beschritten.

Warum spreche ich von einer so fundamentalen Veränderung? Vier Konstanten haben die Jahrzehnte zunächst westdeutscher Außenpolitik seit Wiedergründung des Amtes geprägt: erstens, die deutsche Teilung und ihre Überwindung;........

© Juedische Allgemeine