»Verbinde dich mit etwas Größerem«
05. Juni 2026 – 20. Siwan 5786
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»Verbinde dich mit etwas Größerem«
Rabbiner Levi Shmotkin landete mit »Worte fürs Leben« einen Bestseller. Ein Gespräch über die Stärke, sich von Krieg und antisemitischen Bedrohungen nicht lähmen zu lassen
Rabbiner Shmotkin, wie geht es Ihnen?Sehr gut, wunderbar, Gott sei Dank.
Verstehen Sie, wenn viele Menschen diese Frage in der derzeitigen Situation – mit dem Krieg in Israel und vor dem Hintergrund zunehmender antisemitischer Bedrohung in der Diaspora – anders beantworten?Ich verstehe die Sorgen. Nehmen wir das Thema Antisemitismus. Es gibt einerseits den Kampf dagegen, und andererseits geht es darum, sicherzustellen, dass der Antisemit weniger Macht über mich hat, dass er weniger in meinem Kopf präsent ist und weniger Angst in mir auslöst. Die erste Frage ist also, wie man den Antisemitismus eindämmt. Es gibt Organisationen, die daran arbeiten. Das liegt außerhalb meines Fachgebiets. Mich beschäftigt vielmehr die zweite Ebene: Wie können wir dem Antisemiten weniger Einfluss darauf geben, wie wir uns fühlen und wie wir unser Leben gestalten?
Greift das angesichts der konkreten antisemitischen Bedrohung nicht etwas zu kurz?Die Frage der Sicherheit ist wichtig. Ich ignoriere das nicht. Aber das Ausmaß, in dem es uns verunsichert, hat auch mit unserem Gefühl zu tun, dass wir akzeptiert werden wollen. Wir waren als Juden im Laufe der Geschichte immer eine Minderheit. Natürlich verspürt man als Minderheit zwangsläufig den Wunsch, akzeptiert und geschätzt zu werden. Deshalb legen wir Juden mehr als andere Völker großen Wert darauf, was andere über uns sagen.
Warum?Wegen dieses Komplexes, der damit einhergeht, eine Minderheit zu sein. Nach Auffassung des Lubawitscher Rebben, Menachem Mendel Schneerson, lässt sich das nicht heilen, indem man sich noch mehr verbiegt, sondern nur dadurch, dass man eine gesunde Beziehung zu seiner Identität pflegt. Es geht darum, stolz darauf zu sein, wer man ist, und zu spüren, dass das jüdische Volk am meisten durchgemacht hat und wir die widerstandsfähigste Nation der Geschichte sind. Wir haben reiche Schätze, die wir der Welt geschenkt haben und auf die wir stolz sein können – sie machen uns stark.
Wie lässt sich diese Erkenntnis erreichen?Der Weg dahin führt über konkrete Taten: eine Mizwa erfüllen, Tefillin anlegen, Schabbatkerzen anzünden, die Tora studieren. Und wenn man das tut, ist das nicht nur gut für die eigene Spiritualität. Man verschafft sich damit auch ein tiefes, existenzielles Gefühl von Stolz auf die eigene Identität. Wenn man sich in seiner Haut wohlfühlt, kümmert es einen weniger, was andere über einen denken. Das beste Gegenmittel gegen den Antisemitismus besteht also darin, unsere Identität zu bekräftigen und uns tiefer mit ihr zu verbinden. Ich glaube, das löst 75 Prozent des Problems. Antisemitismus ist das, was uns erschüttert, was uns innerlich........
