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„Grund zur Sorge und Grund für Hoffnung“

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23.01.2026

Vor wenigen Wochen, am 9. November 2025, habe ich in der Portugiesischen Synagoge Amsterdam im Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht gesprochen. Gemeinsam unter anderem mit der Schriftstellerin Jessica Durlacher. Sie sagt zur Lage nach den grauenhaften Ereignissen des 7. Oktober 2023 – ich zitiere: »Das Tabu gegen den Hass, nach dem Holocaust aus Höflichkeit aufgestellt, hat sich als zerbrechliches Gewebe erwiesen. Und jetzt ist es zerrissen. Das Biest ist zurück.«

Und der Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Sergey Lagodinsky, fand hier in seiner Heidelberger Rede im vergangenen Frühsommer ernüchternde Worte. Zitat: »Die Erinnerungsrepublik Deutschland ist zu Ende.« Viele Deutsche würden die NS-Zeit nicht mehr im Zusammenhang mit ihrer eigenen Verantwortung für die Geschichte empfinden, sagt er. Für Lagodinsky eine allmähliche Entwicklung, die sich durch die Folgen des 7. Oktober noch verstärkt und beschleunigt.

Beide Aussagen treffen mich aus zweierlei Gründen ins Herz. Zum einen bin ich Nachfahrin großer jüdischer Familien, die ermordet und vertrieben wurden. Das Gefühl der Entwurzelung, der Unsicherheit, der Sorge vor Diskriminierung, vor einer Entsolidarisierung gegenüber Jüdinnen und Juden: Das ist ein tiefsitzender Teil meiner Familiengeschichte und Identität.

Zum anderen beobachte ich als Bildungsministerin und Teil der viel gescholtenen Boomer-Generation die Entwicklungen in Deutschland: Wie antisemitische Deutungsmuster vielerorts normalisiert werden. Wie Jüdinnen und Juden sich weiter nicht sicher fühlen, oft noch weniger als vor ein paar Jahren.

Das Gefühl der Entwurzelung, der Unsicherheit, der Sorge vor Diskriminierung, vor einer Entsolidarisierung gegenüber Jüdinnen und Juden: Das ist ein tiefsitzender Teil meiner Familiengeschichte und Identität.

Und da muss ich mich und meine Generation kritisch fragen: Was haben wir falsch gemacht? Was können und müssen wir besser machen?

Schulische Bildung hier als Allheilmittel zu sehen, würde die Institutionen überfordern. Aber – und denken Sie sich dieses »aber« in Großbuchstaben: Bildung – schulisch und außerschulisch - kann entscheidende Weichen stellen. Wenn wir dafür sorgen, dass unsere Bildungseinrichtungen dafür auch die Möglichkeiten haben. Und wenn wir ein ganzheitliches Bildungsverständnis an den Tag legen, das alle mit einbezieht.

Bildung ist viel mehr als Wissensvermittlung, das wissen Sie und ich. Wir verlassen uns darauf, dass unsere Kinder in Bildungseinrichtungen zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern erzogen werden. Dass sie lernen, kritisch zu denken. Dass sie sich persönlich entfalten können. Und dass sie lernen, empathisch zu sein und sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen, friedlich und respektvoll.

Was wir unter einer guten Bildung verstehen, ist aber immer auch Ausdruck dessen, was eine Gesellschaft für bewahrenswert hält, und was sie zu schützen bereit ist.

In Deutschland stand das lange außer Frage. Nach den entsetzlichen Verbrechen im nationalsozialistischen Deutschland, nach dem Menschheitsverbrechen der Shoah, war es Jahrzehnte lang feste Gewissheit: Jüdisches Leben muss geschützt werden, ein solches Verbrechen darf sich nie wiederholen. »Nie wieder!«

Um dieses Schutzversprechen einzulösen, galt Bildung als ein zentraler Schlüssel. Und Bildung hat, so empfinde ich es, dieses Versprechen auch in Teilen eingelöst. Doch der 7. Oktober 2023 und seine Folgen haben diese Gewissheit erschüttert. Ebenso das Vertrauen in den Erfolg von Bildungsarbeit gegen Antisemitismus.

Die Welle der Gewalt gegen Jüdinnen und Juden weltweit, die Rechtfertigungen von antisemitischen Übergriffen, die Relativierungen und vor allem die Sprachlosigkeit: Sie haben mehr als deutlich gemacht, wie schnell demokratische Grundwerte ins Wanken geraten. Werte wie die unantastbare Würde des Menschen, wie das klare Ächten von Hass und Willkür gegen Gruppen.

Seit dem 7. Oktober 2023 erleben wir es deutlich häufiger, dass antisemitische Deutungsmuster normalisiert werden, auch in Bildungseinrichtungen. Viele jüdische Kinder, Jugendliche und Studierende berichten seitdem, dass sie vorsichtig geworden sind. In der Schule, auf dem Campus. Und damit an Orten, an denen eigentlich dazu beigetragen werden soll, das Schutzversprechen des »Nie wieder!« einzulösen.

Mehr noch: In der Gesellschaft, im Netz, ja auch und gerade an vielen Schulen und Universitäten werden Antisemitismus, aber auch Rechtsextremismus, autokratische und antidemokratische Tendenzen (von rechts, links und aus migrantischen Milieus) wieder gesellschaftsfähig.

Das alles geschieht in einer Welt der Unsicherheiten. Vieles, was vor kurzer Zeit kaum vorstellbar war, ist geschehen und geschieht. Gewissheiten lösen sich auf. Es ist für alle schwer, jung und alt, sich darauf einzustellen. Aber wir müssen es. Und wir können das.

Und ja, Bildung spielt hier weiter die zentrale Rolle. Sie ist ein zentraler Faktor dafür, dass junge Menschen lernen, in einer demokratischen Gesellschaft friedlich zusammenzuleben. Dass sie urteilsfähig sind und in die Lage versetzt werden, verantwortlich zu handeln.

Jede Bildungsinstitution – von der Kita bis zur Schule und zur Universität – trägt eine Verantwortung für unser gesellschaftliches Miteinander. Sie alle haben aber auch die große Chance, dieses Zusammenleben aktiv und positiv mitzugestalten.

Es geht darum, 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz junge Menschen zu erreichen, die keine Großeltern mehr haben, die als Täter oder Opfer Zeitzeugen des Geschehens waren. Ihre Empathie zu wecken und ihnen zu vermitteln, was historische Verantwortung heute bedeutet.

Es geht darum, zu vermitteln: Die Vernichtung europäischer Jüdinnen und Juden kam nicht aus dem Nichts. Antisemitismus war schon lange gesellschaftsfähig. Er ist es in Teilen wieder. Er ist damit alles andere als ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Das spüren wir schmerzlich.

Antisemitismus ist hartnäckig. Und er erlebt in gesellschaftlichen Krisenzeiten seinen Aufschwung, in Deutschland, Europa und weltweit. Er entfaltet dabei eine zerstörerische Kraft, die ausgrenzt, verletzt, entmenschlicht und tötet, wie wir zuletzt bei den Chanukka-Feierlichkeiten zum Jahresende in Australien miterleben mussten, wo friedlich feiernde, arglose Jüdinnen und Juden, alt und jung, Opfer blinden antisemitischen Hasses wurden.

Sehr geehrte Damen und Herren, vor diesem Hintergrund ist Bildungsarbeit gegen Antisemitismus ganz ohne Frage kein »Zusatzauftrag«. Keine thematische Einheit im Schulunterricht, die man »auch noch« behandeln muss, kein »nice to have«. Sich mit Antisemitismus in all seinen Ausprägungen zu befassen, historisch wie gegenwärtig:

Das ist unverzichtbarer Bestandteil einer funktionierenden Demokratiebildung. Und zwar sowohl in der Schule als auch in außerschulischen Kontexten, etwa im Sportverein.

Antisemitismuskritische Bildungsarbeit verortet Antisemitismus nicht ausschließlich historisch, sondern erkennt ihn als Gegenwartserfahrung an.

Antisemitismuskritische Bildungsarbeit verortet Antisemitismus nicht ausschließlich historisch,........

© Juedische Allgemeine