Politik und Medien: Entsetzen als kalkulierte Erregung
Politik und Medien: Entsetzen als kalkulierte Erregung
Stand: 24.02.2026, 15:04 Uhr
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Ohne gezielt Affekte zu entfesseln, ist in der politischen Debatte kaum noch etwas zu gewinnen.
Niemand ist zuletzt häufiger als Kronzeuge des Entsetzens aufgerufen worden als der TV-Moderator Markus Lanz. So förderte eine flüchtige Suchmaschinen-Recherche Überschriften zutage wie: „Markus Lanz entsetzt über Prien“ (Berliner Morgenpost), „Als Politologin Trumps Methoden schildert, reagiert Markus Lanz entsetzt“ (Kölner Stadtanzeiger) oder auch „Gauck bei ,Lanz‘: ,Völlig entsetzt‘ über Netanjahus Politik“ (Focus). Variiert werden die vermeintlichen Erstarrungen vor laufender Kamera durch Vokabeln wie „fassungslos“, „schockiert“, „empört“ und „echauffiert“.
Schnell wird aber klar, dass es sich dabei nicht um hypertonische Entgleisungen oder das möglicherweise labile Nervenkostüm des prominenten ZDF-Talkers handelt. Vielmehr wird diesem plötzliches Entsetzen seitens Dritten attestiert, die noch am Abend oder in der Frühe des nächsten Morgens nach Kräften bemüht sind, mit einem Referat des Sendeinhalts in Textform erhöhte Aufmerksamkeit zu generieren.
Der Verweis auf das Entsetzen des Moderators, so die scheinbar weit verbreitete Annahme unter Content-Zulieferern für Onlinemedien, evoziert das Interesse der vielen und bringt die erhofften Klicks. Es dürfte an dieser Stelle kaum verwundern, dass die Berichterstatterinnen und Berichterstatter eher selten den Versuch unternehmen, sich an der nüchternen Wiedergabe von Argument und Gegenrede abzuarbeiten.
Wenn Gäste aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft sich bei „Lanz“ in Kauerstellung begeben, scheinen Gefühlsausbruch und Schockstarre das Mindeste, was man von ihnen erwarten oder angesichts der von ihnen geäußerten Ungeheuerlichkeiten empfinden darf. Wo Freude war, wird heute ausgerastet.
Obwohl Markus Lanz gewiss nicht für die Rhetorik anderer verantwortlich ist, trägt er mit dem Entlarvungsgestus seiner Fragetechnik erheblich zur Atmosphäre eines permanenten Ausnahmezustands bei. Schock und Entsetzen passen zum Talkshow-Format, in dem bereits die Sitzmöbel das sofortige Aufspringen des Personals vorwegzunehmen scheinen. Etymologisch geht das Wort „entsetzen“ übrigens auf das Althochdeutsche „intsezzen“ zurück, das so viel bedeutet wie „aus dem Sitz, aus der ruhigen Lage kommen“.
Ohne die gezielte Entfesselung von Affekten ist in der politischen Debatte kaum noch etwas zu gewinnen. Als prominentes Beispiel mag ein Offener Brief gelten, den Künstlerinnen wie Tilda Swinton und Nan Goldin unlängst an die Berliner Filmfestspiele adressierten. Sie seien entsetzt über das „institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“, heißt es im Pamphlet, deren Verfasserinnen kaum Zweifel, geschweige denn Gesprächsbereitschaft über die von ihnen verwendete Terminologie aufkommen lassen.
Im Anflug gesteigerter Aufwallungen hatte zuvor die indische Schriftstellerin Arundhati Roy ihr Fernbleiben von der Berlinale begründet. Zu hören, dass Kunst nicht politisch sein solle, so Roy, sei „schockierend“. Damit werde eine Diskussion über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterbunden. Die Pose des mutwilligen Missverstehens eines Satzes von Wim Wenders schien ihr wichtiger als eine Auseinandersetzung über die Formen politischer Kunst, deren Grenzen und Möglichkeiten. Entsetzen? Eine kalkulierte Erregung.
