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Wenn Frauen streiken

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01.03.2026

Stand: 01.03.2026, 17:48 Uhr

Von: Franziska Büschelberger

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Es gibt gute Gründe für einen Ausstand. Denn wir sind von Gleichberechtigung weit entfernt. Die Kolumne.

Stellen Sie sich vor: 20 Millionen Frauen in Deutschland legen kollektiv an einem Tag ihre berufliche und private Arbeit nieder. Sie erscheinen nicht in Krankenhäusern, Pflege- und Therapieeinrichtungen und auch nicht in Kindergärten, Schulen, Supermärkten und Restaurants. Haushalte, Familien und Arbeitsplätze, wie leer gefegt von Frauen.

Was würde passieren, wenn sie ihrer Arbeit und Verantwortung fernblieben? Klassenräume blieben leer. Schichtpläne könnten nicht gehalten werden. Medizinische Versorgung und Betreuung brächen weg. Lebensmittel wären schwer erhältlich. Das öffentliche Leben würde kollabieren.

Frauenstreiks sind nicht neu – und sie wirken! Insbesondere der isländische Frauenstreik 1975 schrieb Geschichte, als 90 Prozent der Frauen ihre Arbeit niederlegten. Island gilt seither als Vorreiter und hat den geschlechtsspezifischen Lohnunterschied auf 10 Prozent reduziert. Deutschland liegt bei 16  Prozent. Eine Lücke, die entsteht, weil Frauen häufig in schlecht bezahlten Berufen arbeiten, oft in Teilzeit, und weniger Chancen auf Führungspositionen erhalten.

Unser Steuersystem zementiert dieses Problem: Als eines der letzten Länder bevorteilen wir mit dem Ehegattensplitting Ehen mit ungleichen Einkommen. Während andere Länder längst auf individuelle Besteuerung setzen, hält Deutschland Frauen steuerlich vom Arbeitsmarkt fern. Ehefrauen, uneheliche Familien und Alleinerziehende werden benachteiligt und Teilzeit begünstigt – ein Widerspruch zur Debatte über „Lifestyle-Teilzeit“ und zur Forderung nach mehr Vollzeit.

In Deutschland soll beides gleichzeitig funktionieren: Produktion und Reproduktion – Erwerbsarbeit und Sorgearbeit. Die Wirtschaft ruft nach Fachkräften, während Sorgeverantwortung zeitgleich den Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert.

Das Festhalten an Rollenbildern endet für viele Frauen auch in Gewalt. Studien belegen, dass etwa jede zweite Frau in Deutschland im Laufe ihres Lebens geschlechtsspezifische Gewalt erfährt – körperlich, psychisch und finanziell.

Der Druck auf Frauen wächst enorm in unserem Land. Bundesweit kommen sie jetzt in Bewegung. Unter den Namen „Stillgelegt“, „Enough!“ und „töchterkollektiv“ rufen zahlreiche Organisationen in Deutschland zu einem Generalstreik am 9. März 2026 auf.

Angesprochen sind alle Frauen – und alle Männer, die Frauen jenseits patriarchaler Rollenbildern sehen: als Leistungsträgerinnen mit gleichem Anspruch auf Chancen, Teilhabe und Bezahlung.

In allen deutschen Städten sind Zusammenkünfte geplant, um gegen seit Jahren benannte, aber stoisch ignorierte Grenzen zu protestieren: Solange Familien und Kinder politisch und wirtschaftlich nicht in den Fokus gestellt werden, erschwert dies die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt und deren existenzielle Unabhängigkeit.

Gleichstellungspolitik stellt Menschen ins Zentrum, Gleichstellung in der Wirtschaft bedeutet volle Leistungskraft – beides Voraussetzungen für gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Selbsterhalt. Und liebe Männer: Ein Frauenstreik ist kein Aufstand gegen euch, sondern ein Aufstand gegen Strukturen, die Chancen, Teilhabe und Sicherheit einschränken.


© Frankfurter Rundschau