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Ohne Anschluss

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saturday

In der Ecke des Zimmers hängen bunte Ballons unter der Decke, durch die großen Fenster fällt helles Licht in die Wohnung. Im Eingang steht ein Rollstuhl. Galyna Oleksandrivna lebt hier mit ihrer 14-jährigen Tochter Polina in einem der vielen Hochhäuser auf der linken Seite des Flusses Dnipro, der sich durch die ukrainische Hauptstadt Kyjiw schlängelt. Das Treppenhaus des Gebäudes ist schmal. Der Aufzug auch. „Manchmal verlassen wir die Wohnung tagelang nicht, denn wenn wir keinen Strom haben, weiß ich nicht, wie ich Polina hoch- und runterbringen soll“, erzählt Oleksandrivna, während sie die Hand ihrer Tochter hält. 

Polina wurde mit einer Zerebralparese geboren, einer unheilbaren Bewegungsstörung. Sie kann sich alleine nicht bewegen und ist stumm. Selbst bei Bombardierungen verlassen Polina und ihre Mutter die Wohnung nicht. Die nächstgelegenen Bunker sind für Polina mit dem Rollstuhl nicht zugänglich. Ihre Mutter erzählt: „Ich nehme die Decken, hänge sie vor die Fenster und die Türen, und wir gehen in den Hausflur.“ Der hat keine Fenster und dient so immerhin als Schutz gegen Splitter. 

In diesem Winter hat die extreme Wetterlage mit zweistelligen Minusgraden alles noch komplizierter gemacht: Polina benötigt spezielle Therapien, die sie im Zentrum für komplexe Rehabilitation für Menschen mit Behinderungen bekommt. Das liegt zwar nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Durch den Schnee, das festgefrorene Eis und die unebenen Straßen in ihrer Nachbarschaft glich der Weg selbst für Menschen ohne Behinderungen einem Hindernislauf.

Die Ukraine erlebte den schlimmsten Winter seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022. Zudem greift Russland  die Energieinfrastruktur regelmäßig massiv an. Im ganzen Land, aber vor allem in der Hauptstadt fällt regelmäßig der Strom aus, zeitweise sind Tausende Wohnungen ohne Heizung. Präsident Wolodymyr Selenskyj rief Mitte Januar den Notstand im Energiesektor aus. Menschen mit der Möglichkeit, Kyjiw zu verlassen, sollten das mindestens vorübergehend tun, lautete eine Aufforderung von Bürgermeister Vitali Klitschko. Aber vielen Bewohner:innen fehlten Optionen.

Für viele Menschen mit Behinderung ist das Zentrum für komplexe Rehabilitation auch ein Rückzugsort. Eltern bringen ihre Kinder morgens hierher und holen sie abends wieder ab – so können sie ihrer Arbeit nachgehen. Im Erdgeschoss hat der 7-jährige Sviatoslav gerade Bewegungstherapie. Bälle fliegen quer durch den Raum. Tamara Vasylivna Solovei leitet die Einrichtung. Schon seit Beginn des Angriffskrieges sei die Lage hier schwierig, sagt sie: „Wenn der Luftalarm ertönt, müssen wir die Kinder in den Keller bringen. Viele haben körperliche Behinderungen, und seit dem Krieg kommen psychische Belastungen dazu.“ Nun habe sich mit den Stromausfällen alles noch verschlimmert, erklärt sie, während sie durch die Räume führt. „Ohne unseren Generator hätten wir ein großes Problem, denn viele der Kinder sind auf Strom angewiesen.“ Etwa für eine Sauerstofftherapie, die nur mit Strom funktioniert. Jenseits dessen sei der Zugang zu herkömmlichen Luftschutzbunkern in vielen Teilen der Stadt mit einem Rollstuhl ein Problem, denn die sind oft nicht barrierefrei. 

Menschen mit Behinderungen sind in Kriegs- und Konfliktgebieten wie der Ukraine in besonderem Maße gefährdet. Fehlende Barrierefreiheit bei Evakuierungen, der Mangel an geeigneten Schutzräumen sowie der Zusammenbruch medizinischer und pflegerischer Versorgung erhöhen ihr Risiko erheblich. Viele sind von humanitärer Hilfe abgeschnitten und laufen verstärkt Gefahr, Gewalt zu erfahren. Besonders bedroht sind Menschen in stationären Einrichtungen wie Heimen oder Pflegeeinrichtungen, die im Krieg auch zu Zielscheiben werden können. Gleichzeitig fallen Menschen mit Behinderungen in Notsituationen häufig durch die Raster klassischer Hilfsmaßnahmen, weshalb gezielte und inklusive Unterstützung dringend notwendig ist.

Laut der Organisation Handicap International lebten 2018, vor Beginn der russischen Invasion, schätzungsweise 2,7 Millionen Menschen mit Behinderung in der Ukraine. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher gelegen haben. Einem Bericht von Handicap International zufolge sollen es inzwischen 6,6 Millionen sein. Die Erklärung ist so einfach wie dramatisch und zeigt das Ausmaß der Brutalität des andauernden Krieges: Durch Raketenschläge, Drohnenangriffe und Landminen verlieren Tausende Gliedmaßen oder werden anderweitig schwer verwundet. Viele Soldat:innen kehren schwer verletzt aus den Kampfhandlungen zurück. Auch zahlreiche Zivilist:innen leben heute mit schweren Verletzungen durch explosive Munition und Waffen, und die psychische Gesundheit vieler leidet. Menschen erkranken beispielsweise an posttraumatischen Belastungsstörungen. Der Bedarf an Behandlungen wächst.

Antonina Telytsia arbeitet für Handicap International in der Hauptstadt. Sie selbst ist Mutter eines Kindes mit Behinderung. Das Team unterstützt besonders Schutzbedürftige. Dazu zählen neben Menschen mit Behinderung beispielsweise auch alte Menschen oder alleinerziehende Mütter. Handicap International klärt über die Gefahren von Blindgängern auf, leistet psychologische Unterstützung, versorgt Menschen mit Physiotherapie, verteilt Hilfsmittel wie Krücken oder Rollstühle und schult Fachkräfte zur Behandlung von Menschen mit Behinderung. Dabei ist die Lage hier in der Hauptstadt noch vergleichsweise gut. „Kyjiw wird immer wieder bombardiert, aber die Städte und Dörfer nahe der Front sind oft so zerstört vom Beschuss, dass viele medizinische Einrichtungen nicht mehr funktionieren“, erzählt Telytsia am Telefon. Bei Evakuierungen verlassen Nachbar:innen und Freund:innen das Zuhause häufig zuerst. Dann fallen Unterstützungsstrukturen weg.

Der ukrainische Staat versuche zu helfen, habe aber nur begrenzte Mittel. Werden Personen evakuiert, kommen sie oft in Geflüchtetenunterkünfte, die nicht barrierefrei sind. Telytsia sagt, es sei wichtig, die Menschen, ob mit Behinderung oder ohne, zusammenzubringen. So isoliere man niemanden. An der Barrierefreiheit werde gearbeitet, aber im Kriegszustand fehlten dem Land die ausreichenden Ressourcen. Trotzdem sagt Galyna Oleksandrivna, sie möchte Kyjiw mit ihrer Tochter nicht verlassen. „Das ist unser Zuhause, wir werden es immer irgendwie schaffen.“


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