„Der einzige Schutz gegen Atomwaffen ist, eigene zu besitzen“: Brauchen wir nukleare Abschreckung?
Angesichts des russischen Angriffskriegs, wachsender nuklearer Drohkulissen und einer zunehmend unberechenbaren Sicherheitslage stellt der Tagesspiegel die Frage: Muss Europa lernen, gemeinsam nuklear abzuschrecken?
Der Beitrag analysiert, wie brüchig der bisherige Schutzschirm der USA geworden ist, welche Rolle die nationalen Atomwaffenarsenale von Frankreich und Großbritannien spielen könnten – und warum ein europäischer Ansatz politisch wie moralisch umstritten bleibt.
Unsere Leserinnen und Leser reagieren mit Sorge, Skepsis, Pragmatismus und offener Empörung. Sie stellen Fragen nach Verantwortung und Glaubwürdigkeit, fordern strategische Konsequenzen – und schlagen sehr unterschiedliche Wege vor, wie Sicherheit in Europa künftig gewährleistet werden könnte.
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PrenzlbaerDie Debatte über europäische Atomwaffen darf kein Tabu mehr sein. Wenn man betrachtet, wer alles inzwischen über derartige Waffen verfügt und wie verlässlich unsere bisherigen Partner sind, bleibt für mich nur ein Schluss: Wir können uns diese grundsätzlich sehr erstrebenswerte Selbstbeschränkung inzwischen einfach nicht mehr leisten.
SirupsaugerIch empfehle die Lektüre des Buches „72 Minuten bis zur Vernichtung“ (Englisch: „Nuclear War“) und vertrete die unpopuläre Meinung: Keine atomare Aufrüstung. Alle Atomwaffen müssen abgeschafft werden. Weltweit.
FrankNFurterNatürlich würde man sich dringend eine Welt ohne Atomwaffen wünschen. Auch eine Welt ohne Putins, Trumps oder Chameneis. Aber das ist nun mal nicht unsere Welt und wird es auch nie sein.
Am Ende herrschen dann nur die Brutalsten und Rücksichtslosesten
Am Ende herrschen dann nur die Brutalsten und Rücksichtslosesten
Meint Tagesspiegel-Nutzer FrankNFurter
Wenn die rücksichtslosen Imperialisten und Menschenverächter Atomwaffen besitzen, wäre es naiv, wenn die anderen darauf verzichten. Am Ende herrschen dann nur die Brutalsten und Rücksichtslosesten, wenn der Rest darauf verzichtet, sich adäquat zu schützen. Und der einzige Schutz, den es gegen Atomwaffen gibt, ist leider nun mal der, eigene Atomwaffen zu besitzen.
FvGeDie sogenannte nukleare Abschreckung war immer eine Wette. Ob die USA wirklich ihr eigenes Land in Gefahr gebracht hätten, um z.B. die alte Bundesrepublik zu schützen, war immer nur eine Annahme.
Nach Atomwaffen zu rufen, ist schon rein ökonomisch ein Irrweg
Nach Atomwaffen zu rufen, ist schon rein ökonomisch ein Irrweg
Meint Tagesspiegel-Nutzer/in FvGe
Zum Ernstfall kam es nie, und wir wissen nicht – zum Glück –, wie die Wette ausgehen würde. Nun nach Atomwaffen zu rufen, ist schon rein ökonomisch ein Irrweg. Und mehr dieser Waffen machen die Welt nicht sicherer.
IllIOUm den Frieden zu schützen, braucht es Atomwaffen. Der Irak und Jugoslawien haben bitter dafür bezahlt, als sie darauf verzichtet haben. Im Iran lernt man vermutlich gerade dazu.
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Fairplay180Ich kenne niemanden in Deutschland, der wirklich gerne Atomwaffen hätte und sie sich sehnlichst herbeiwünscht. Aber die atomare Teilhabe mit den Amerikanern ist ja wohl obsolet. Die würden uns einen Gegenschlag niemals erlauben, müssten sie doch dann selbst russische Vergeltung fürchten.
Die atomaren Drohungen aus Moskau werden weiter zunehmen
Die atomaren Drohungen aus Moskau werden weiter zunehmen
Meint Tagesspiegel-Nutzer/in Fairplay180
Deshalb brauchen wir ein eigenständiges System der Abschreckung. Oder wir überzeugen die Russen, und nur um die geht es in diesem Kontext, dass sie ihre Atomwaffen komplett abrüsten. Das wird aber niemals passieren. Stattdessen werden die atomaren Drohungen aus Moskau weiter zunehmen.
A_W_MAtomwaffen alleine schützen nicht. Denn tatsächlich müsste ja auch jemand da sein, der die dann verlässlich aufsteigen lässt. Wer sollte das denn in Europa sein? Und damit mehr oder weniger das eigene und andere Länder auslöschen.
Kriegsführung hat sich aber seit dem Kalten Krieg doch etwas gewandelt.
Kriegsführung hat sich aber seit dem Kalten Krieg doch etwas gewandelt.
Meint Tagesspiegel-Nutzer/in A_W_M
Atomwaffen sind daher eigentlich nur die letzte Abwehr gegen den Verlust des Landes. Wichtiger ist – wie man ja an diversen Kriegen sieht –, dass man konventionell auch sehr gut gewappnet ist. Kriegsführung hat sich aber seit dem Kalten Krieg doch etwas gewandelt.
MaxostWer Frieden sichern will, muss ihn schützen können. Ist der nukleare Schutzschirm der USA noch so verlässlich, wie er es Jahrzehnte war? Die Antwort: Europa braucht wohl strategische Autonomie. Dazu bräuchte es funktionierende militärische Strukturen und eine handlungsfähige außen- und sicherheitspolitische Entscheidungsgewalt. Beides derzeit nicht vorhanden.
In Polen schätzt man die Bedrohung durch Russland realistischer ein, als in Deutschland
In Polen schätzt man die Bedrohung durch Russland realistischer ein, als in Deutschland
Meint Tagesspiegel-Nutzer Maxost
Es gibt britische und französische Atomwaffen, aber beide Länder sehen diese als nationale Angelegenheit und denken nicht daran, ihre Souveränität über dieses Machtmittel abzugeben. Länder sind aber keine Freunde, sondern haben Interessen. Und beide Länder werden immer fragiler, was ihre politische Stabilität angeht. In Polen schätzt man die Bedrohung durch Russland realistischer ein als in Deutschland.
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JeanLuc7Nun ja. Besser als alles andere wäre eine Welt ganz ohne Atomwaffen. Wenn aber alle Schurkenstaaten (und auch jene, die sich gerade dahin entwickeln) welche haben, ist es wohl notwendig, dass die Europäer dem etwas entgegensetzen können, ohne von außen abhängig zu sein.
Frankreich und Großbritannien haben bereits Atomwaffen, Deutschland hingegen hat seinerzeit eine Unterschrift unter den Atomwaffensperrvertrag gesetzt. Wenn man das nicht infrage stellen will, läuft alles auf eine europäische NATO hinaus – ohne die USA und ohne all jene Staaten, die fragwürdige Gesellen sind.
Eine Verteidigung mit Atomwaffen ist am Ende keine Verteidigung, sondern kollektiver Selbstmord
Eine Verteidigung mit Atomwaffen ist am Ende keine Verteidigung, sondern kollektiver Selbstmord
Meint Tagesspiegel-Nutzer/in Mzbln
MzblnDas Dumme an der schönen Abschreckung: Versagt sie, sind wir alle tot. Wie Carl Friedrich von Weizsäcker richtig sagte, ist eine Verteidigung mit Atomwaffen am Ende keine Verteidigung, sondern kollektiver Selbstmord. Aufrüstung wird keine Sicherheit bringen, wenn sie nicht mit neuer Sicherheitsarchitektur, Abrüstung und internationaler Kontrolle einhergeht. In Europa drohen zudem alte Rivalitäten neu aufzubrechen.
HanebuttEntweder die EU rüstet auf, oder sie wird ein Spielball der internationalen Politik. Wenn die EU sich entschließt, unabhängig bleiben zu wollen, ist die militärische Aufrüstung der entscheidende Knackpunkt. Die USA verfolgen knallhart ihre wirtschaftlichen Interessen – europäische kommen darin kaum vor.
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MenonDiese Diskussion muss geführt werden. Die moralischen Implikationen, unter denen sie geführt wird oder werden soll, sind aus meiner Sicht reine Schummelei. Ob Deutschland sich unter der atomaren Drohung der USA oder Frankreichs versteckt oder eine eigene aufbaut, spielt eigentlich keine Rolle. Bis heute haben wir keine Probleme damit, dass „die Amis“ atomdreckige Hände haben, während wir unsere in Unschuld waschen.
