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Thank God It’s International Friday 56: Zurück zur reinen Machtpolitik?

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07.03.2026

It’s International Friday! Willkommen zur heutigen Ausgabe des TGIIF, dem internationalen Newsletter des Tagesspiegels bei LinkedIn. Hier können Sie ihn kostenlos abonnieren.

Diese Woche habe ich meinen – leicht angestaubten – Hans Morgenthau aus dem Regal gezogen. Beginnt nun eine Ära der reinen Machtpolitik, so wie er – der Begründer des klassischen Realismus in den internationalen Beziehungen – sie einst skizziert hat, habe ich mich gefragt.

„Nicht jeder stimmte ihm zu, aber niemand konnte ihn ignorieren“, schrieb Henry Kissinger 1980 in seinem Nachruf auf den Politikwissenschaftler. 1949 erschienen gilt Morgenthaus „Politics Among Nations: The Struggle for Power and Peace“ bis heute als Standardwerk. Interessant ist das Buch heute auch, weil es vor dem Hintergrund der damals entstehenden Nachkriegsordnung verfasst wurde, die derzeit zu kollabieren droht.

Hinter viele von Morgenthaus Aussagen kann man aus heutiger Sicht ein Häkchen setzen. So sieht er den Menschen von Natur aus als egoistisch und als grenzenlos machthungrig. Das übertrage sich auf Staaten: Sie strebten grundsätzlich nach Macht und verfolgten Interessen, nicht Werte. Manche seiner Ausführungen lesen sich wie eine Beschreibung der Trump’schen Außenpolitik.

„Universelle moralische Grundsätze können nicht auf das Handeln von Staaten angewandt werden“, schreibt Morgenthau. Frieden zwischen Staaten kann für ihn nicht durch Recht, Moral oder internationale Organisationen entstehen. Auch das bewahrheitet sich zunehmend.

Die internationale Ordnung, die nach 1945 mit der Gründung der Vereinten Nationen und dem systematischen Ausbau des Völkerrechts aufgebaut wurde, beruhte zumindest formal auf der Idee, dass Regeln für alle gelten. Dass Gewalt nur in klar definierten Fällen legitim ist. Dass auch mächtige Staaten sich rechtfertigen müssen. Perfekt war diese Ordnung keinesfalls, aber sie existierte immerhin. Heute wirkt sie zunehmend wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.

Die USA, die über Jahrzehnte der zentrale Garant dieser regelbasierten Ordnung waren, drohen nun, sie zum Einsturz zu bringen. „Ich brauche kein internationales Recht“, sagte Donald Trump vor Kurzem im Interview mit der New York Times. Seine „eigene Moral“ und sein „eigener Verstand“ seien das Einzige, was ihn stoppen könne.

Wäre Hans Morgenthau ein Trump-Fan?

Würde Morgenthau – wäre er noch am Leben – Trumps Außenpolitik gutheißen? Man könnte zunächst fast dazu neigen. Beide lehnen moralischen Idealismus und Werteaußenpolitik ab. Beide stellen das nationale Interesse über internationale Institutionen. Allerdings basiert Morgenthaus Realismus auf rationaler Kalkulation. Und die sucht man in Trumps Außenpolitik vergeblich: Sie wirkt impulsiv, unberechenbar und von persönlichen Interessen geleitet.

Auch die aktuellen Schläge gegen den Iran würde Morgenthau kaum gutheißen. Im Laufe seines Lebens äußerte er sich kritisch und nachdenklich zu seiner eigenen Theorie. Er betonte, dass reine Machtpolitik ohne jede moralische Dimension langfristig destabilisierend wirke, und plädierte für eine verantwortungsvolle Staatskunst, die Macht und Moral verbinde.

Morgenthau war ein prominenter Kritiker des Vietnamkriegs. Der Krieg widerspreche dem nationalen Interesse der USA und sei keine rationale Machtpolitik, sondern ideologischer Übereifer, schrieb er etwa 1965 in seinem Essay „We Are Deluding Ourselves in Vietnam“. Auch dieser Beitrag ist bis heute lesenswert.

Kein Krieg, kein Konflikt gleicht einem anderen. Aber: „Wer sich der Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“, wusste bereits der spanisch-amerikanische Philosoph George Santayana.

Vor ziemlich genau 15 Jahren stimmte der UN-Sicherheitsrat über die Intervention in Libyen gegen Diktator Muammar al-Gaddafi ab. Deutschland enthielt sich. Die Entscheidung war äußerst umstritten: Der frühere Außenminister Joschka Fischer etwa kritisierte sie als „Farce“.

Guido Westerwelle, der damalige Außenminister, veröffentlichte kurze Zeit später einen Gastbeitrag in der SZ. „Bedenke das Ende!“, lautete der vielsagende Titel. Westerwelle sah diesen Grundsatz später als Leitlinie seiner Außenpolitik. Nicht nur vor dem Hintergrund des aktuellen Iran-Kriegs lohnt es sich, den Beitrag noch einmal zu lesen.

Intervention ohne Strategie

Sollte das brutale Regime in Teheran fallen, wird ihm – mit Ausnahme der Profiteure – kaum jemand nachtrauern. Doch auf der Basis des Völkerrechts lassen sich die aktuellen Militärschläge gegen den Iran nicht rechtfertigen. Verkommt das Völkerrecht nun also zu Normen, auf die nur dann gepocht wird, wenn es opportun ist?

Die Angriffe wiederholen auch ein gefährliches Muster. Ein von außen initiierter Regimewechsel ohne Strategie, ohne „end game“. Ein „failed state“ im Iran wäre angesichts seiner militärischen Stärke und geografischen Lage noch um ein Vielfaches gefährlicher als im Irak, im Jemen oder in Libyen.

Die Schläge sind ein weiteres Zeugnis des zügellosen Handelns Donald Trumps. Eines US-Präsidenten, der sich in seinen Zielen weder durch den Kongress noch durch fachliche Expertise einschränken lässt.

Lässt sich ein Regimewechsel von außen herbeiführen?

Vergangenen Montag habe ich im „High Noon“-Talk des Tagesspiegels unter anderem mit Martin Kobler diskutiert. Als ehemaliger Leiter der UN-Missionen im Irak und in Libyen ist er gewissermaßen Experte für gescheiterte Regimewechsel von außen.

„Was würden Sie dem US-Präsidenten raten?“, habe ich ihn gefragt. Am liebsten hätte Kobler die Zeit zurückgedreht und ihm „Don’t do it!“ zugerufen. Die ganze Diskussion mit ihm, Gilda Sahebi und Christian Böhme können Sie hier sehen. 👇

Ein neues Gleichgewicht der Kräfte?

Für Morgenthau entsteht Frieden nicht durch guten Willen, sondern durch ein Gleichgewicht der Kräfte. Ende der 1940er Jahre schrieb er dies natürlich vor der damals entstehenden Bipolarität des Kalten Kriegs.

Und heute? Der Politikwissenschaftler Volker Perthes beschreibt die aktuellen Umbrüche als „Multipolarisierung der Welt“. In seinem gleichnamigen Buch argumentiert er, dass weder internationale Organisationen noch einzelne Großmächte Frieden schaffen können. Für ihn gibt es nicht mehr das eine Machtzentrum, das alles alleine regeln könne. Stattdessen verteile sich Macht und Einfluss auf verschiedene – ungleich starke – Pole.

Aus unserer Buchdiskussion vergangene Woche in der Urania mit Staatssekretär Niels Annen und der estnischen Botschafterin Marika Linntam nehme ich vor allem die Zuversicht mit, die alle drei ausgestrahlt haben: Auch wenn sich die Rolle der UN und anderer multilateraler Organisationen wahrscheinlich verändern werde, an ihrem Fortbestand und ihrer Bedeutung zweifelte niemand auf dem Panel.

Die neue Weltordnung wird auch Thema des nächsten Hauptstadt-Gesprächs des Tagesspiegels am kommenden Donnerstag, den 12. März, im Deutschen Theater sein. Christian Tretbar und ich werden mit Daniela Schwarzer, Claudia Major, Peter Wittig und Holger Stark diskutieren. Karten gibt es hier.

Die neue Weltordnung: Von Männern gestaltet

Während derzeit noch niemand sagen kann, wie genau die künftige Weltordnung aussehen wird, scheint eines bereits festzustehen: Sie wird von Männern gestaltet. Wenn Morgenthaus Realismus auf rationale Kalkulation setzt, müsste eine gute Außenpolitik zwingend auf die besten verfügbaren Ressourcen zurückgreifen.

Doch bei jedem Konflikt, den man gegenwärtig ins Auge fasst, sitzen am Verhandlungstisch hauptsächlich Männer. Und das, obwohl die Forschung konsistent zeigt, dass die Beteiligung von Frauen an Friedensverhandlungen Abkommen stabiler macht.

Zum Internationalen Frauentag an diesem Sonntag hat UN-Generalsekretär António Guterres in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel acht To-dos aufgeschrieben. Mit ihnen, so argumentiert er, könne ein nachhaltiger Fortschritt erzielt werden, um die Geschlechtergerechtigkeit weltweit zu stärken. Lesen Sie hier. 👇

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende. Machen Sie’s gut und passen Sie auf sich auf.

Ihre Anja Wehler-Schöck


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