menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Frischzellenkur | Als hätte jemand den Stöpsel gezogen: Warum der Ostsee das Wasser fehlt

10 0
27.02.2026

Der Wels vom Brombachsee und 10 andere dicke Fische

Ein Wels hat in Franken mehrere Badegäste verletzt. Krypto-Bros lassen sich nicht fressen und bei Nemo ging es progressiv zu. Was das mit Angela Merkel und Psychedelic Rock zu tun hat? Unser Wochenlexikon

Wieso schmeckt konservierter Fisch?

Vergorener Hering? Klingt nicht gerade einladend. In Schweden macht der Koch nun jedoch die Erfahrung, wie wunderbar vergrabener Lachs mit Kartoffeln sein kann

Folgen des Klimawandels: Ganze Städte versinken im Ozean

Australien gewährt Klimaflüchtlingen ein Aufenthaltsrecht – das liegt am drohenden Verlust der Eisschilde an Nord- und Südpol. Die Folgen für Tuvalu oder Hooge können Forscher jetzt noch präziser berechnen

Grünes Wissen : Als hätte jemand den Stöpsel gezogen: Warum der Ostsee das Wasser fehlt

Eine seltene Wetterlage ließ Pegelstände vor allem im Baltikum und dem finnischen Meerbusen historisch tief sinken. Warum das eine gute Nachricht ist

Foto: Hannes Jung/laif

Die Ostsee ist derzeit so leer wie seit 140 Jahren nicht mehr. Am schwedischen Pegel Landsort-Norra – der liegt vor den Toren Stockholms – fehlten Anfang Februar 67 Zentimeter Wasser. Verglichen mit dem Normalzustand gibt es in der gesamten Ostsee derzeit 390 Milliarden Kubikmeter Nass weniger. Um eine Vorstellung von dieser gewaltigen Menge zu bekommen: Sie entspricht einer Strecke von Berlin nach Nürnberg, 100 Meter breit und zehn Kilometer hoch mit Wasser gefüllt.

„Ursache sind starke Ostwinde“, erklärt Matthias Premke-Kraus vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW). Eine lang anhaltende Ostwindlage habe das Oberflächenwasser in die Nordsee gedrückt, so den historischen Tiefstand verursacht.

Der Pegel ist vor allem vor dem Baltikum und zwischen Finnland und Schweden deutlich gefallen, an der deutschen Küste sind die Veränderungen dagegen kaum festzustellen. Der Wasserverlust sei nicht überall gleichmäßig, urteilt das Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie, „die Ostsee hängt gerade schief“.

Für Matthias Premke-Kraus beinhaltet der historische Tiefstand eine gute Nachricht: „Das wird natürlich nicht so bleiben! Wenn starke Westwinde einsetzen, strömt sauerstoffreiches, salzhaltiges Tiefenwasser aus dem Atlantik in die Ostsee herein.“ Eine Art Frischzellenkur für eines der am meisten durch menschliche Einflüsse in Mitleidenschaft gezogenen Binnenmeere: „Sowohl der intensive Nährstoffeintrag als auch der Klimawandel setzen der Ostsee sehr stark zu“, erklärt Premke-Kraus.

Hering, Dorsch und Scholle fehlt der Sauerstoff

Nährstoffeintrag – was für den Laien freundlich klingt, ist in Wirklichkeit dramatisch. Tatsächlich handelt es sich um Gülle oder künstlichen Dünger, den Bauern auf die Felder kippen: Was der Boden nicht aufnehmen kann, gelangt ins Grundwasser, in die Flüsse und schließlich ins Meer. Dadurch und wegen des wärmer werdenden Wassers vermehren sich insbesondere die sommerlichen Blaualgen explosionsartig. Immer häufiger ist vor allem der westliche Teil der Ostsee von einem riesigen grünen Algenteppich bedeckt – mit dramatischen Folgen: Sterben die Algen, sinken sie zu Boden, wo Bakterien die Reste zersetzen.

Dafür brauchen sie aber viel Sauerstoff, der dann anderen Tieren fehlt – Krebsen, Würmern und Weichtieren, aber natürlich auch Hering, Dorsch und Scholle. Inzwischen gilt die Ostsee als die weltweit größte Sauerstoffmangelzone menschlichen Ursprungs, mehr als 60.000 Quadratkilometer gelten als tot, eine Fläche dreimal so groß wie Hessen. Nach Erkenntnissen finnischer Forscher gab es in den letzten 1.500 Jahren nie zuvor solch ausgedehnte sauerstoffarme „Todeszonen“ in der Ostsee.

„Sauerstoffarmes Wasser führt immer wieder zum Fischsterben in der Ostsee“, erläutert Experte Premke-Kraus. Tatsächlich sinken die Fangquoten, die den Fischern zugeteilt werden können, stetig. Die Arten, die kommerziell verwertbar sind, werden immer knapper. Damit sich die Bestände überhaupt noch erholen können, fordert der Fischereiwissenschaftler Rainer Froese vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, den Fang von Dorsch und Hering gleich ganz zu stoppen.

Touristen bekommen an Fischbuden nur importierten Fisch

Der Zusammenbruch der Bestände liegt nicht nur an Robben und Kormoranen, die sich an der deutschen Ostseeküste wieder angesiedelt haben. „Das sind die Folgen des Klimawandels“, sagt Christopher Zimmermann vom Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock.

Beispielsweise laichen die Heringe der westlichen Ostsee wegen milder werdender Winter heute viel früher, aber im Februar finden die Heringslarven noch kein Futter und sterben. Die Bestände dieser Art sind in den vergangenen Jahren nahezu zusammengebrochen. Wenn Touristen heute an Fischbuden und Räucherei-Ständen kaufen, dann bekommen sie in der Regel nur importierten Fisch.

„Wenn der Einstrom jetzt kommt, hätte dies gleich zwei Effekte, die für die tiefen Ostseebecken von Bedeutung sind“, erklärt Volker Mohrholz, stellvertretender Leiter der IOW-Abteilung Physikalische Ozeanographie: Kaltes Wasser könne deutlich mehr Sauerstoff aufnehmen als warmes. „Der Einstrom würde damit – bezogen auf sein Volumen – überdurchschnittlich viel Sauerstoff in die tiefen Becken transportieren.“

Außerdem könnte viel kühles Atlantikwasser die Ostsee kühlen und „die seit rund zwei Jahrzehnten anhaltend erhöhten Tiefenwassertemperaturen in den zentralen Ostseebecken beenden“, so Mohrholz. Eine Frischzellenkur für die Ostsee.

Mit Ihrem Abo können Sie pro Monat fünf Artikel verschenken. Die Texte sind für die Beschenkten kostenlos.

Mehr Infos erhalten Sie hier.

Aktuell sind Sie nicht eingeloggt. Wenn Sie diesen Artikel verschenken wollen, müssen Sie ein Digital-Abo abschließen.


© der Freitag