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Jenseits von Hafer-Dinkel-Öko: Neue Trends bei Biolebensmitteln

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Grünes Wissen : Jenseits des Hafer-Dinkel-Öko-Gewands: Neue Trends bei Biolebensmitteln

Die BIOFACH ist die weltgrößte Messe für Lebensmittel, die nach Bio-Standards hergestellt werden: Während die Nachfrage bei den Kunden steigt, stagniert die Anbaufläche in Deutschland. Das Ausbauziel für 2030 scheint nicht mehr erreichbar

Foto: Daniel Vogl/dpa/picture alliance

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Jung, selbstbewusst und auf Zukunft gebürstet – so inszenierte sich die Bio-Branche auf der diesjährigen BIOFACH. Die Weltleitmesse für Bio-Lebensmittel stellte die Ausgabe unter das Motto „Growing Tomorrow: Young Voices, Bold Visions“: Junge Stimmen wollen mit mutigen Visionen die Zukunft. Bis zu diesem Freitag ging es auf dem Messegelände in Nürnberg um nicht weniger als die Frage, wie eine Branche, die einst aus der Nische kam, ihren Werten treu bleiben kann – und gleichzeitig modern und zukunftsorientiert wirtschaften.

Eröffnet wurde die Messe von der Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Ihre Botschaft zielte weniger auf Optimismus als auf Verantwortung. Hoffnung, so Neubauer, sei kein Selbstläufer. Für viele Menschen sei Hoffnung ein Privileg, das ihnen angesichts der globalen Krisen gar nicht zur Verfügung stehe. Gerade deshalb dürfe die Hoffnung nicht leichtfertig aufgegeben werden.

Doch wo bleibt der Wandel, von dem so viel die Rede ist? Neubauer formulierte eine Antwort, die ebenso nüchtern wie fordernd klang: Wandel lasse sich nicht herbeirufen und nicht bestellen. Man könne jedoch alles daransetzen, seine Wahrscheinlichkeit zu erhöhen.

Eine Mahnung, die über die Messehallen hinausweist – und die Bio-Branche daran erinnert, dass ihr Versprechen stets größer war als das nächste Produkt im Regal: Ökologisch erzeugte Lebensmittel verursachen weniger Treibhausgase, schonen die Böden, verzichten auf Pflanzenchemie wie Pestizide und helfen der Artenvielfalt.

Anbaufläche wächst nicht mit

Die Bio-Branche kann sich jedenfalls nicht vorwerfen, den Wandel verschlafen zu haben. Sie arbeitet hart daran, mainstreamfähig zu werden: Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln ist im vergangenen Jahr um 6,7 Prozent gestiegen. Inzwischen kann man Bio-Produkte in jedem Discounter kaufen. Wer dabei nicht hinterherkommt, das sind die heimischen Landwirte, denn die Anbaufläche wuchs im gleichen Zeitraum nur um 1,1 Prozent. Bio ist also trotz gestiegener Preise nach wie vor ein Wachstumsmarkt, aber die Äcker spiegeln den gestiegenen Bedarf nicht wider. Die Lücke schließen Hersteller aus dem Ausland.

Der Spitzenverband der Bio-Branche, BÖLW, macht die Politik dafür verantwortlich, dass die Umstellerzahlen hinter den Erwartungen zurückbleiben. „Wir überlassen den Markt ohne Not anderen Ländern, anderen Akteuren“, erklärte Tina Andres, die Vorstandsvorsitzende des BÖLW. Das Ziel der Regierung, den Anteil der biologisch bewirtschafteten Flächen an der Gesamtanbaufläche bis 2030 auf 30 Prozent anzuheben, scheint in weiter Ferne. Aktuell liegt der Anteil bei rund elf Prozent.

Einen Dämpfer hat der Branche auch Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) zur Eröffnung ihrer Weltleitmesse versetzt, indem er sie auf Kürzungen vorbereitete. Insbesondere das Bundesprogramm „Ökologischer Landbau“ werde einer Prüfung unterzogen. Das Programm unterstützt Landwirte bei der Umstellung auf biologische Landwirtschaft, zum Beispiel durch Beratung und den Aufbau von heimischen Bio-Wertschöpfungsketten.

Ob in Zukunft wieder mehr Höfe auf biologische Landwirtschaft umstellen, wird stark von den Akzenten abhängen, die die Politik setzt. Zuletzt haben allein in Bayern knapp 300 Höfe von „bio“ zurück auf konventionell umgestellt, weil sie die ab 2026 von der EU vorgeschriebene Weidehaltung für Bio-Rinder nicht umsetzen konnten.

Die Botschaft lautet: Bio ist unkompliziert

Aktuell liegt der Bio-Anteil am gesamten Lebensmittelumsatz bei 6,6 Prozent. Die Bio-Produzenten und -Hersteller lassen sich einiges einfallen, um die Brücke von der Nische in eine Zukunft im Mainstream zu schlagen und diesen Anteil weiter zu steigern. „Reframing Organic“ nennt die Jury auf der BIOFACH diesen Trend, der sich inzwischen durch die gesamte Branche ziehe. „Wir beobachten, dass viele coole, junge Leute in die Branche reinkommen, sich mit Bio beschäftigen und es auf eine ganz neue Weise erzählen“, erklärt Anne Baumann, Vorständin der Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller e. V. (AöL).

Diese Stimmung habe inzwischen auch etablierte Hersteller dazu gebracht, sich neu zu positionieren. „Wir müssen die Leute ein bisschen mehr dort abholen, wo sie sind, und dann darauf vertrauen, dass sie durch den Genuss am Produkt, durch coole, leckere und fancy Produkte, die ihrem Lifestyle entsprechen, zur Nachhaltigkeit kommen. Darauf ein bisschen zu vertrauen. Das bedeutet für mich Reframing Organic“, so Baumann weiter.

Um im Mainstream anzukommen, setzt die Branche unter anderem vermehrt auf Convenience-Produkte: Wo man einst nur pure, nahezu unverarbeitete Lebensmittel in Bio-Qualität vorgefunden hat, kann man heute auf eine große Bandbreite an Fertiggerichten zurückgreifen. Von Pulver-Soßen bis hin zu Fertig-Gläschen: Die Botschaft lautet „Bio ist unkompliziert“.

Fermentation liegt im Trend

Dass die Bio-Branche fest entschlossen ist, das Hafer-Dinkel-Öko-Gewand hinter sich zu lassen und stattdessen durch innovative Produkte zu begeistern, demonstrierten die Produkt-Trends auf der diesjährigen Messe. Das dänische Unternehmen MATR Foods stellt aus Leguminosen wie Lupine oder Erbsen sowie Gemüse und Fungi Kulturen durch Fermentation schmackhafte Fleischersatzprodukte her.

Mit seinem Ansatz trifft das Unternehmen den Zahn der Zeit: Fermentation liegt im Trend, immer mehr Menschen wollen von den Vorteilen der Methode profitieren. Denn fermentiertes Gemüse erhöht die Vielfalt der Darmbakterien und stärkt das Immunsystem. Außerdem gilt es als besser bekömmlich.

Auch der italienische Hersteller Foreverland macht sich die jahrhundertealte Technik zunutze: Aus Kichererbsen, Johannisbrot und Kürbiskernen wird durch Fermentation und Röstung eine Schokoladen-Alternative, die ohne Kakao auskommt. Damit schafft Foreverland ein Produkt, das in Zeiten der Kakao-Krise eine echte Alternative darstellt. Und dessen CO₂-Fußabdruck dabei sogar rund 80 Prozent geringer ist. „Choruba“ nennt das Team seine Entwicklung, die den Trend „Präzision trifft Tradition“ auf den Punkt bringt.

12 Prozent Wachstum wären jährlich notwendig

Auch wenn sich die ökologische Lebensmittelwirtschaft auf ihrer Weltleitmesse selbstbewusst präsentiert, ist es bis zum echten Mainstream noch ein weiter Weg. Das 30-Prozent-Flächen-Ziel scheint aktuell unerreichbar, um das noch zu erreichen, müssten die Bio-Flächen pro Jahr um rund zwölf Prozent wachsen. Zur Erinnerung: Zuletzt lag der Zuwachs bei etwas mehr als einem Prozent. Nicht das erste Ziel, das krachend verfehlt wird: Bis 2020 sollten 20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologisch bewirtschaftet werden. Es waren dann aber nur gut 10 Prozent.

Die Branche steht zudem durch den Preisdruck im Discounter und die Gesetzgebung auf EU-Ebene unter Druck. Hier wurde zuletzt diskutiert, die Richtlinien für Pestizide und Gentechnik zu lockern. Anne Baumann ist trotzdem zuversichtlich: „Die Bio-Bewegung hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass sie mutig war und ihr eigenes Ding gemacht hat. Wenn wir von der Politik die passenden Rahmenbedingungen bekommen, um frei zu agieren, dann sind die Akteure der Branche verdammt kreativ.“

Sie wünscht sich von der Politik ein klares Bekenntnis zum Green Deal und mehr Investitionen in die Forschung. „Außerdem sollte alles, was an Regulatorik auf uns zukommt, immer auf Verhältnismäßigkeit und Mittelstandstauglichkeit geprüft werden“, so Baumann weiter. Zumindest an dieser Stelle scheinen Landwirtschaftsminister Alois Rainer und die Bio-Bewegung sich einig zu sein.

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