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Resilienz | Woher kommt diese ständige Erschöpfung? Wie unser Alltag uns auslaugt

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19.01.2026

Über Erschöpfung sind eine Menge Lebensgeschichten zu hören oder zu lesen, allerdings sind es Erzählungen aus dem Nachher. Im Vorher finden sich kraftvolle Menschen, die ausgelaugt waren, fertig, ständig müde, und nun, nachher, wissen: So geht es nicht weiter. Dieser Text beschreibt das Dazwischen.

Nur die wenigsten würden aus meinem Alltagsverhalten darauf schließen, dass ich – nicht immer, aber oft – erschöpft bin. Die wenigsten würden bei meinem erschöpften Kreis von Freund*innen – und, oh, es sind viele! – denken: Ach Mensch, die sieht aber fertig aus. Sondern: Wow, der kommt aber gut durchs Leben. Denn alle haben einen Job, manche Kinder, es wird gesund gegessen und wenig getrunken, fast alle gehen zum Sport, sind nett mit sich und der Umwelt und überhaupt. Aber die pure Lebensfreude? Ich muss lange überlegen, wann ich das letzte Mal in meinem Umfeld davon gehört habe.

Arbeiten wir einfach zu viel? Aber warum ist meinen Eltern die Erschöpfung dann so unbekannt? Mein Vater arbeitete in den 1980er Jahren im Drei-Schicht-System am Fließband, meine Mutter hatte zwei Jobs. Trotzdem war am Wochenende bei uns die Bude voll und wir hatten Besuch. Wir aßen und tranken und meine Eltern und ihre Freunde sangen lustige und traurige Lieder zusammen. Es sah aus wie jede Woche Party und es waren Momente der Lebensfreude. Im Rückblick erscheinen mir meine Eltern nie erschöpft, oder nur, wenn sie von der Arbeit kamen. Und auch sie selber würden sich nicht als überlastet sehen in ihren jungen Jahren. Dazu gab es auch nur zwei Fernsehsender und eine Reise im Jahr. Überschaubar. Hatten ihre Freunde und die Überschaubarkeit sie vielleicht vor dem bewahrt, was meine Generation hinterrücks beschleicht?

Vergangenes Jahr befragte das Meinungsforschungsinstitut Civey 5.000 Menschen nach ihrem Grad der Erschöpfung und der Arbeitsbelastung. Rund die Hälfte gab an, sich erschöpft zu fühlen. Die Hälfte! Ist es also ein Generationending? Oder ist es eher ein Migranten- oder Schichtding? Dass wir dachten, wenn wir aufsteigen, wenn wir es doppelt so gut machen wie die weiße Mittelklasse, dann wird alles gut? Mittlerweile muss ich müde mit den Augen rollen, wenn ich solche Sätze von Aufsteigerinnen lese. Jaja, steigt mal schön auf. Ich bleibe lieber liegen. Und trotzdem lassen die Ansprüche an uns selbst nicht nach. Müssen wir nicht Bescheid wissen, was alles auf der Welt passiert? Die angesagteste Diätidee (Noch Intervallfasten? Oder schon mediterrane Ernährung?), die neuesten Pläne der Regierung, die beste Kritik daran,........

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