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Paris sehen, erleben - und sterben

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07.02.2026

Ihr Gleichnis vom Wunder neuen Lebens, das Paula Modersohn-Becker 1907 malte – und an dem sie tragischerweise zu Ende desselben Jahres im Kindbett starb – gehört seit 1985 der Neuen Nationalgalerie. Die erdmutterartige Madonna wurde damals von der Preußenstiftung in West-Berlin aus einer Hamburger Privatsammlung erworben. Heute zählt „Knieende Mutter mit Kind an der Brust“ zu den Ikonen der frühen deutschen Moderne in der Sammlung des Mies-Tempels.

Sie malte es in Paris in den Monaten der Schwangerschaft. Das ganze Bildformat beherrschend, kniet die Madonna nackt und schwer auf einer weißen Platte in der Landschaft. Die Figur ist sachte aus der Symmetrie gerückt. Ringsum verstreut liegen Orangen, das weiße Rund symbolisiert einen Lebenskreis. Die stillende Mutter wird gleichsam zum Monument. Begrenzte helle und dunkle Farbflächen bauen das Körpervolumen, gebunden von Kontur und Schatten. Die magisch-festliche Aura, die beinahe derbe Vereinfachung der Formen lassen eine Nähe zu Paul Gauguins Stil erkennen, ebenso zu Cézannes Flächentektonik.

Vor 150 Jahren, am 8. Februar 1876, kam Paula Modersohn-Becker in Dresden in einer kulturbürgerlichen Familie zur Welt. 1888 zogen die Beckers nach Bremen. Paula nahm Malunterricht bei Fritz Mackensen in der nahen Idylle Worpswede, mit lila Heide und Birkenwäldchen im Teufelsmoor. Dort hatte sich um den Jugendstil-Star Heinrich Vogeler und seinen legendären Barkenhoff (niederdeutsch für „Birkenhof“) eine Künstlerkolonie abseits der wilhelminischen Akademien gebildet. Dann musste Paula aufs Lehrerseminar, der elterliche Wille – aber sie zog es zur Kunst.

So ging sie nach Berlin, an die private „Damenakademie“ des Vereins Berliner Künstlerinnen, wo schon die Kollwitz gelernt hatte. Danach  entschied sich Modersohn-Becker für Worpswede. In paradoxer Weise bedeutete die Kolonie für sie geistige Befreiung, später........

© Berliner Zeitung