Sexualisierte Gewalt und kaum Nachwuchs: Wehrbericht zeichnet düsteres Bild der Bundeswehr
Der Deutsche Bundestag hat den Jahresbericht des Wehrbeauftragten für 2025 debattiert. Wehrbeauftragter Henning Otte (CDU), seit Mai 2025 im Amt, zeichnete ein düsteres Bild. Die sicherheitspolitische Lage sei „sehr ernst“, die Bundeswehr brauche mehr Personal, mehr Material und verlässliche Rahmenbedingungen bei weniger Bürokratie. Die Zielmarke 2029 – die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen – rücke jeden Tag näher.
Die sicherheitspolitische Lage sei „sehr ernst“, die Bundeswehr brauche mehr Personal, mehr Material und verlässliche Rahmenbedingungen bei weniger Bürokratie. Die Zielmarke 2029 – die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen – rücke jeden Tag näher.
Staatssekretär Sebastian Hartmann (SPD) sagte, es gehe darum, Versäumnisse von Jahrzehnten in Rekordzeit aufzuholen. Sabine Dittmar (SPD) würdigte den Bericht als ehrliches Lagebild zwischen spürbarem Fortschritt und fortbestehenden strukturellen Defiziten – „nicht nur Bestandsaufnahme, sondern Arbeitsauftrag für uns alle“. Sie mahnte, wer junge Menschen gewinnen wolle, müsse Sinn vermitteln und Verlässlichkeit garantieren – und vor allem dafür sorgen, dass Soldatinnen und Soldaten nicht vorzeitig wieder gingen.
„Stimmungsbarometer für das Parlament“
Lange Bearbeitungszeiten, mangelnde Transparenz und unnötige Bürokratie seien weiterhin ein Problem. Ihr Fraktionskollege Christoph Schmidt bezeichnete den Bericht als „wichtiges Stimmungsbarometer für das Parlament“ und verwies auf mehr als 4000 bearbeitete Vorgänge im Berichtsjahr.
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Ein erster konkreter Schritt beim Personalaufwuchs ist inzwischen getan: Seit dem 1. Januar 2026 gibt es den Neuen Wehrdienst. Mitte Januar wurden bundesweit die ersten rund 5000 Briefe zur Wehrerfassung verschickt – an den Geburtsjahrgang 2008.
Die Schreiben enthalten einen QR-Code zum Online-Fragebogen sowie eine Broschüre und rechtliche Hinweise. Männliche Deutsche sind zur Teilnahme an der Wehrerfassung verpflichtet, der Wehrdienst selbst bleibt freiwillig. Für Frauen ist auch die Beantwortung des Fragebogens freiwillig. Ob das Modell ausreicht, um den nötigen Personalaufwuchs zu sichern, bezweifelten in der Debatte mehrere Redner.
Für die Union betonte die ehemalige Soldatin und jetzige Bundestagsabgeordnete Vivian Tauschwitz (CDU/CSU), der Bericht sei „ein unverzichtbares Instrument parlamentarischer Kontrolle“. Sie hob den zu geringen Frauenanteil hervor: unter 14 Prozent insgesamt, in Kampfverbänden zehn Prozent, bei Berufssoldatinnen außerhalb des Sanitätsdienstes sogar nur sieben Prozent.
Thomas Röwekamp (CDU/CSU) unterstrich, der Bericht gebe „Einsicht in die Gefühlswelt unserer Soldatinnen und Soldaten“. Kerstin Vierecke (CDU/CSU) zitierte als abschließende Rednerin eine prägnante Passage aus dem Bericht: „Es ist bezeichnend, wenn Meldungen über bürokratische Hemmnisse selbst aufgrund von Bürokratie zu lange dauern.“
Die Grünen: Klare Forderungen an den Minister
Robin Wagener (Grünen) kritisierte die teils jahrelangen Wartezeiten für einsatzversehrte Soldatinnen und Soldaten bei der Anerkennung von Wehrdienstbeschädigungen und rief dazu auf, den nationalen Veteranentag am 15. Juni durch Veranstaltungen vor Ort sichtbarer zu machen.
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Niklas Wagner (Grünen) legte den Finger in gleich mehrere Wunden: Das Flugabwehrsystem Sky Ranger sei zwei Tage vor seiner Inbetriebnahme durch fremde Drohnen ausgespäht worden, ohne dass die Bundeswehr wirksam habe reagieren können.
Das milliardenschwere Digitalisierungsprojekt DLBO verzögere sich massiv – Berichte darüber lägen der Presse vor, dem Parlament jedoch nicht. „Der Minister muss endlich liefern“, forderte Wagner, „nicht länger nur ankündigen.“
Das provozierte einen Schlagabtausch mit Christoph Schmidt (SPD), der den Grünen vorwarf, den Bericht für „skandalisierende Oppositionspolitik“ zu missbrauchen. Wagner wies das scharf zurück: Hartnäckiges Nachfragen sei genau die Aufgabe der Opposition.
Die Linke: Zu wenig Freiwillige für Brigade Litauen
Sören Pellmann (Linke) kritisierte, dass bei der Aufstellung der Brigade Litauen das Prinzip der Freiwilligkeit bereits zu bröckeln drohe – bei nur zehn Prozent freiwilliger Meldungen sei das Projekt kaum zu füllen. Er forderte, den Einsatz zu beenden und das Geld lieber in Kasernen und Infrastruktur im Inland zu investieren.
Pellmann verwies auch auf einen besorgniserregenden Trend: Zum dritten Mal in Folge verzeichne der Bericht einen Anstieg extremistischer Vorfälle – als Beispiel nannte er eine Weihnachtsfeier an der Unteroffiziersschule des Heeres in Sachsen, bei der das Lied „Deutschland über alles“ gesungen worden sei, ohne dass der anwesende Kommandeur sofort einschritt.
Sexualisierte Gewalt: Mehr als ein Einzelfall
Desiree Becker (Linke) sprach von einem strukturellen Problem und zitierte erschütternde Aussagen aus Vorfällen rund um den Standort Zweibrücken. Die Erstmeldungen über Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung hätten 2025 bei 430 Fällen gelegen – mehr als ein gemeldeter Fall pro Tag, die Dunkelziffer liege um ein Vielfaches höher.
Becker forderte zudem, Minderjährige generell nicht in die Bundeswehr aufzunehmen. Vivian Tauschwitz (CDU/CSU) stellte zu sexualisierter Gewalt in ihrer Rede klar: „Dafür gibt es keinen Platz in der Bundeswehr“ – und verwies auf eine beauftragte Dunkelfeldstudie.
Kein Liederbuch: Die AfD und das Soldatenbild
Der AfD-Abgeordnete Carsten Nolte beklagte, dass Patriotismus und die Identität des Soldaten als Kämpfer in der Bundeswehr zu wenig Raum bekämen. Als Beleg führte er an, dass das Ministerium seit neun Jahren kein Liederbuch herausgebe.
Saskia Esken, die frühere SPD-Vorsitzende, warf der AfD daraufhin vor, kein einziges Wort über die tatsächlichen Probleme der Soldatinnen und Soldaten zu verlieren. In Nordrhein-Westfalen habe die AfD sogar versucht, ein Denkmal für einen in Afghanistan gefallenen Soldaten zu verhindern: „Ihre Partei muss sich wirklich mal die Frage stellen, wie sie zu ihren Soldaten steht.“
Unbesetzte Stellen: AfD kritisiert Personaldesaster
Andreas Paul (AfD), ehemaliger Personaloffizier, präsentierte nüchterne Zahlen: Nur noch 184.000 Soldatinnen und Soldaten stünden unter Waffen – 20.000 weniger als 2018 geplant, bei den Mannschaftssoldaten fast jede dritte Stelle unbesetzt. Nur noch elf Prozent der 16- bis 29-Jährigen könnten sich einen Dienst an der Waffe vorstellen.
Von 22.000 ausgeschiedenen Soldaten im vergangenen Jahr seien weniger als 400 für eine zivile Anschlussverwendung gewonnen worden – ein Fall von „organisierter Verantwortungslosigkeit“.
„Totalausfall“: Röwekamp rechnet mit der AfD ab
Thomas Röwekamp (CDU/CSU) ließ am Ende der Debatte kein gutes Haar an der AfD: Die Fraktion habe sich gegen das Wehrdienstgesetz ausgesprochen, gegen die Verfassungsänderung, gegen den Haushalt – „gegen alles, was geeignet ist, die bestehenden Herausforderungen der Bundeswehr wirklich aufzugreifen“. Sein Schluss: „Sie sind ein Totalausfall für die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes.“
Die weitere Beratung über den Bericht des Wehrbeauftragten übernimmt der Verteidigungsausschuss des Bundestages.
