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„Grüne Welle“: Warum kann die Frau in diesem Roman nicht umkehren?

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29.03.2026

Am Mittwoch ist Esther Schüttpelz mit ihrem neuen Roman in der Volksbühne zu Gast. „Grüne Welle“ sieht einer Frau auf einer Autofahrt zu, die sie von ihrem Zuhause wegführt. Das Buch ist geradezu unheimlich aktuell. Esther Schüttpelz hat als Anwältin gearbeitet, bevor sie Schriftstellerin wurde. Was treibt ihre Heldin um?

Esther Schüttpelz: Sie fährt und fährt, dabei überlegt sie die ganze Zeit, ob sie nicht doch umkehren sollte. Als Leser beobachten wir, wie sie gedanklich damit umgeht, sich das Weiterfahren zu erlauben. Wir sehen, wie sie im Zeitraffer die Gefühle durchlebt, die damit verbunden sind, eine gewalttätige Beziehung zu verlassen. Sie spürt eine Verpflichtung, hat Angst, gleichzeitig ist da eine Hoffnung, dass es besser werden könnte. Die grüne Welle, die wie ein fantastisches Element in meinem Roman auftaucht, macht ihr das Wenden unmöglich.

Literarisch bearbeiten wollte ich all diese Fragen, die so eine Frau bewegen: Warum bin ich da überhaupt hineingeraten? Ist es nicht viel beängstigender, mich einer ungewissen Zukunft zu stellen, als einfach zurückzukehren in das, was ich kenne? Wie geht mein Umfeld damit um? Wie kann ich mich erklären? Warum hat mir keiner geholfen?

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Das ist komplex und schwierig, fürs Schreiben aber auch sehr interessant. Betroffene sind nicht selten Opfer jahrelangen psychischen Missbrauchs. Als ich nun las, was Collien Fernandes durch ihren Ehemann angetan wurde, ist es mir kalt den Rücken runtergelaufen. Man kann nur hoffen, dass das jetzt auf gesellschaftlicher und gesetzlicher Ebene zu Veränderungen führt und alle genauer hinschauen. Zumal das leider kein Einzelfall ist.

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Wenn ich einen Roman schreibe, geht es nicht um die juristische Perspektive, aber natürlich läuft sie mit. Das Bild der grünen Welle verstehe ich so, dass es für die Frau immer schwieriger wird, umzukehren. Sie fragt sich, wie sie ihr Handeln vor sich selbst oder vor anderen rechtfertigen soll. Wir wissen ja, dass auch immer wieder Anzeigen zurückgezogen werden, etwa weil Prozesse wenig Aussicht auf Erfolg haben oder der Täter Druck ausübt. Vielleicht hilft solch ein Text, um Verständnis herzustellen für Betroffene und Betroffenen das Gefühl zu geben, dass die Komplexität ihrer Situation mal abgebildet wird.

Buchpremiere 1.4., 20 Uhr, Esther Schüttpelz im Gespräch mit Marie Kaiser, Volksbühne, Roter Salon


© Berliner Zeitung