Österreichs Stromzukunft: Volle Kraft voraus
Österreich kann sich 2040 sicher mit Strom versorgen, wenn Windkraft und Batteriespeicher massiv ausgebaut werden.
Die Stromerzeugung schwankt stark je nach Wetter, weshalb Speicher und flexible Netze entscheidend sind.
Strompreise bleiben deutlich über Vorkrisenniveau, mit steigender saisonaler Spreizung und Folgen für Industrie und Inflation.
Stromverbrauch 2040: 88–104 Terawattstunden/Jahr erwartet
PV-Ausbau 2024: +2.131 Megawatt, +34 % zum Vorjahr
Batteriespeicherbedarf 2040: 15.000–18.000 Megawattstunden
Großhandelsstrompreis 2025: Ø 95 Euro/Megawattstunde
Österreich kann sich 2040 sicher mit Strom versorgen, wenn Windkraft und Batteriespeicher massiv ausgebaut werden.
Die Stromerzeugung schwankt stark je nach Wetter, weshalb Speicher und flexible Netze entscheidend sind.
Strompreise bleiben deutlich über Vorkrisenniveau, mit steigender saisonaler Spreizung und Folgen für Industrie und Inflation.
Stromverbrauch 2040: 88–104 Terawattstunden/Jahr erwartet
PV-Ausbau 2024: +2.131 Megawatt, +34 % zum Vorjahr
Batteriespeicherbedarf 2040: 15.000–18.000 Megawattstunden
Großhandelsstrompreis 2025: Ø 95 Euro/Megawattstunde
Wie viel Strom wird Österreich in 15 Jahren brauchen? Woher soll er kommen? Und was müssen wir bis dahin bauen, damit die Lichter nicht ausgehen? Das klingt auf den ersten Blick vielleicht ein bisschen nach Kaffeesudleserei – aber genau damit hat sich die E-Control, die Regulierungsbehörde für den österreichischen Strommarkt, in ihrem neuen Monitoringbericht Versorgungssicherheit Strom beschäftigt, der diese Woche veröffentlicht worden ist.
Kennst du schon?: Bitcoin: Ist das der Anfang vom Ende?
Die gute Nachricht vorweg: Ja, Österreich kann sich 2040 sicher mit Strom versorgen - und zwar auch dann, wenn der Verbrauch durch Elektroautos, Wärmepumpen und die Elektrifizierung der Industrie deutlich steigt. Aber dafür braucht es, neben dem schon recht zufriedenstellend laufenden PV-Boom, vor allem zwei Dinge: viel mehr (Achtung, Kärntner:innen, Triggerwarnung) Windkraft und eine Verachtfachung der Batteriespeicher.
Die E-Control hat erstmals den Prognosehorizont von bisher 2030 auf 2040, immerhin auch das offizielle Ziel für die österreichische Klimaneutralität, erweitert und drei Szenarien durchgerechnet. Im Grundszenario („Basis“) steigt der Stromverbrauch von heute 75 auf 88 Terawattstunden pro Jahr – moderat, unter der Annahme, dass Effizienzgewinne einen Teil des Mehrverbrauchs kompensieren. In den beiden ambitionierteren „Transformations“-Szenarien, die eine stärkere Elektrifizierung von Verkehr und Industrie annehmen, sind es 104 Terawattstunden.
Um diesen Bedarf mit erneuerbarem Strom zu decken, müsste sich der Kraftwerkspark deutlich verändern. Im Basis-Szenario rechnet die E-Control mit 15 Gigawatt PV und 6 Gigawatt Wind (heute: 8,4 bzw. 4,1). In den Transformations-Szenarien je nach Schwerpunkt sogar mit 26 Gigawatt PV oder 11 Gigawatt Wind. Klingt nach viel – und das ist es auch.
Kurzfrist-Batterien und saisonale Speicher
Der vielleicht wichtigste Befund des Berichts betrifft aber nicht Windräder oder Solarpaneele, sondern Speicher. Denn je mehr Erneuerbare im System sind, desto größer wird das Problem, dass Erzeugung und Verbrauch zeitlich auseinanderfallen: Im Sommer gibt es Strom im Überfluss, im Winter fehlt er.
Um das auszugleichen, braucht es laut E-Control zwei Arten von Speichern: Kurzfrist-Batterien (die Stunden und Tage überbrücken) und saisonale Speicher (die Sommerstrom in den Winter transferieren, vor allem Pumpspeicherkraftwerke). Bei den Batterien müsste die Kapazität von aktuell rund 2.200 Megawattstunden auf 15.000 bis 18.000 Megawattstunden wachsen – also eine Verachtfachung in 15 Jahren. Der saisonale Flexibilitätsbedarf liegt im Basis-Szenario bei 15,6 Terawattstunden.
Die gute Nachricht in all diesen Zahlen: Selbst im ambitioniertesten Szenario müsste Österreich nur rund 2,7 Stunden pro Jahr Strom importieren, den es aus rein heimischen Quellen nicht decken könnte. Versorgungssicherheit ist also machbar. Aber – und das ist der Haken – das setzt eben voraus, dass all diese Speicher, Netze und Kraftwerke auch tatsächlich gebaut werden. In einem Tempo, das wir hierzulande bei Infrastrukturprojekten, sagen wir: eher selten beobachten.
Wie weit ist Österreich auf dem Weg dorthin? Der PV-Ausbau läuft hervorragend: 2024 sind 2.131 Megawatt an neuer Kapazität dazugekommen, ein Plus von 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit liegt der PV-Ausbau sogar über den Zielpfaden des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes von 2021. Bei der Windkraft schaut es weniger rosig aus: Nur 196 Megawatt Zubau, rund zwei Jahre Rückstand auf den EAG-Zielpfad.
Insgesamt verfügt Österreich inzwischen über rund 34 Gigawatt an Erzeugungskapazität – genug, um rechnerisch den gesamten Jahresbedarf von 75,1 Terawattstunden aus heimischen Quellen zu decken. Rechnerisch – und da wird es interessant.
Denn wie viel Strom Erneuerbare tatsächlich liefern, hängt davon ab, ob die Sonne scheint, der Wind weht und genug Wasser die Flüsse herunterkommt. Der E-Control-Bericht zeigt das am Kontrast zweier aufeinanderfolgender Jahre: 2024 war ein ausgezeichnetes Wasserjahr, die Laufkraftwerke produzierten 113 Prozent ihrer durchschnittlichen Leistung, Österreich war Netto-Exporteur von Strom. 2025 dagegen: ein schlechtes Wasserjahr, die Laufkraft fiel auf 81 Prozent, Österreich wurde wieder zum Netto-Importeur.
Wir sehen: Binnen eines Jahres hat sich Österreichs Stromhandelsbilanz komplett gedreht – und der Hauptunterschied war schlicht: Das Wetter. Das ist auch der Grund, warum die sogenannten „Dunkelflauten“ dieses Winters – Perioden mit wenig Wind und wenig Sonne, bei gleichzeitig hohem Verbrauch – den Strompreis an der Börse an manchen Tagen auf über 350 Euro pro Megawattstunde getrieben haben. E-Control-Vorstand Alfons Haber betont zwar, dass die „Versorgungssicherheit weder 2024 noch 2025 je gefährdet“ war: Das System hat gehalten, dank Speicherwasserkraft, thermischer Backup-Kraftwerke und europäischer Stromimporte. Aber es zeigt, wofür wir die Speicher brauchen.
Strompreisentwicklung
Was das für den Preis heißt: Der Bericht hat auch die Strompreisentwicklung im Blick – und die ist eher Fastenkost als Faschingsmaterial. Die Vorkrisen-Zeiten mit stabilen 40 Euro pro Megawattstunde sind endgültig vorbei. Der durchschnittliche Großhandelsstrompreis lag bis Ende Oktober 2025 bei rund 95 Euro pro Megawattstunde. Auf Basis der Terminmärkte dürfte er sich mittelfristig bei 70 bis 90 Euro einpendeln – also fast doppelt so hoch wie vor 2022. Besonders auffällig: Die saisonale Spreizung wächst. Für 2027 erwarten die Märkte einen Sommerpreis von rund 75 Euro, aber einen Winterpreis von 106 Euro pro Megawattstunde. Das hat, wie wir an dieser Stelle schon ein paar Mal festgestellt haben, direkte Auswirkungen auf die Inflation und die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Industrie.
Was das für uns heißt: Der Bericht der E-Control ist insgesamt ein eher beruhigendes Dokument: Österreich steht besser da als viele andere europäische Staaten. Die Alpen-Wasserkraft ist ein Puffer, den Flachländer wie Deutschland oder Dänemark so nicht haben. Die Versorgungsqualität bleibt exzellent – im Schnitt waren Kund:innen 2024 gerade einmal 40 Minuten pro Jahr ohne Strom.
Aber es wäre fahrlässig, sich darauf auszuruhen. Der Weg zu einem stabilen, weitgehend erneuerbaren Stromsystem 2040 ist klar gezeichnet – nur bauen muss es halt noch wer. Und zwar nicht nur Solarpanele, sondern auch Windräder und vor allem Speicher. Das Elektrizitätswirtschaftsgesetz, das das Parlament im Dezember als Teil des „Günstiger Strom“-Pakets beschlossen hat, setzt da an den einigen Stellschrauben an. Ob es schnell genug wirkt, steht auf einem anderen Blatt.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.
E-Control: Monitoringreport Versorgungssicherheit Strom 2025
