"Ich will mich lieber wehren, als Opfer zu sein"
Frau Oberstarzt Groß, Sie kommandieren hier in Leer die Schnellen Einsatzkräfte im Sanitätsdienst. Wann haben Sie zuletzt Leute schnell losschicken müssen?
Groß Im Juni vergangenen Jahres, wegen des iranischen Angriffs auf Israel. Da waren innerhalb von sechs Stunden unsere ersten Soldatinnen und Soldaten mit der Luftwaffe im Einsatz und haben deutsche Zivilisten aus Tel Aviv rausgeholt.
Mit welchem Gefühl haben Sie die Leute losgeschickt?
Groß Ich war zuversichtlich, weil unsere Soldatinnen und Soldaten so was gewohnt und dafür ausgebildet sind. Aber natürlich ist es ein großes Risiko, dass die Maschine getroffen wird, wenn sie in so einem Krisengebiet starten und landen muss. Ich war froh, als alle gesund zurück waren.
Pfarrer Brinker, Sie sind seit vergangenem Herbst der Seelsorger hier am Standort. Würden Sie so eine Truppe demnächst mit einem Reisesegen auf den Weg schicken?
Brinker Das ist tatsächlich eine super Idee: Wir schicken die mit Gottes Segen! Wobei natürlich viele Soldatinnen und Soldaten keinen Bezug zum Glauben haben, sodass wir da einen sensiblen Weg brauchen. Aber segnen, benedicere, heißt ja einfach nur, jemandem was Gutes sagen: Sei behütet, sei beschützt! Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.
Groß Ich glaube, es ist egal, ob man fromm ist oder nicht. Hauptsache, man merkt, dass jemand da ist, der sich um einen sorgt und der einem gute Wünsche mitgeben möchte. Das ist ja immer ein schönes Zeichen.
Brinker Genau das ist unsere Aufgabe als Militärseelsorger. Wir signalisieren: Ich denke an euch. Ich habe euch im Blick. Ich nehme euch mit ins Gebet, auch wenn ihr vielleicht selbst nicht glaubt.
Frau Groß, Sie haben die Evakuierung aus Israel angesprochen. Jetzt brennt der Nahe Osten wieder. Schauen Sie als Soldatin solche Nachrichten mit einem besonderen Blick?
Groß Ich bin wie alle besorgt darüber, was in den letzten Jahren alles passiert ist, und natürlich auch über die Zuspitzung im Nahen Osten. Der Grat zum Flächenbrand ist ja immer sehr schmal. Aber ich wundere mich auch oft.
Groß Wenn ich im Fernsehen Zivilisten sehe, die auf dem Balkon stehen, die Raketen fliegen sehen und das dann auch sehr plastisch beschreiben. Da muss ich mich dann sehr wundern. Ich weiß nicht, wo ich hingehen würde, wenn Raketen fliegen, aber sicherlich nicht auf den Balkon.
Herr Brinker, ändert sich die Stimmungslage in der Kaserne, wenn es irgendwo mal wieder kriegerisch eskaliert?
Brinker Ich bin im Moment in vielen Einweisungslehrgängen und ja, da merke ich schon, dass die ganze Weltlage vielen Leuten innerhalb und außerhalb der Bundeswehr Angst macht.
Stichwort Bedrohung: Frau Groß, Sie sind 1993 in die Bundeswehr eingetreten, kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des Kalten Krieges. Da gab es für Deutschland keine Bedrohung, oder?
Groß Stimmt. Damals, mit 19, habe ich mir keine Gedanken gemacht, wie mein Einsatz in einem Kriegs- oder Krisengebiet aussehen könnte und ob er jemals stattfindet.
Und dann kam das wahre Leben und hat Sie in verschiedene Einsätze geschickt.
Groß Ja, aber ich bin in diese Einsätze langsam reingeführt worden. Am Anfang stand ein Hilfseinsatz in Kambodscha. Dann kam der Einsatz im Kosovo, aber dort war ich nicht. 2007 bin ich zum ersten Mal nach Afghanistan gegangen – auch, um danach zu entscheiden, ob ich Berufssoldatin werden will oder nicht. Ob ich das aushalte, wenn ich ein paar Monate im Einsatz bin in einer Gefährdungssituation.
Wenn heute 19-Jährige hier eintreten, machen die sich wahrscheinlich ganz andere Gedanken.
Groß Ja, die wissen, was auf sie zukommt. Die wissen, dass wir schon überall auf der Welt unterwegs waren und dass wir auch schon Tote mit nach Hause gebracht haben. Es gibt Leute, die sprechen mit ihnen über ihre Verletzungen, sowohl körperliche als auch seelische. Und wenn man hört, was Russland im Angriffskrieg in der Ukraine macht, in welcher Bedrohungslage wir teilweise sind und auch, dass unser NATO-Bündnis wackelt: Dann weiß man schon, worauf man sich einlässt, wenn man jetzt zur Bundeswehr geht.
War Russlands Angriff auf die Ukraine tatsächlich eine Zeitenwende?
Groß Mir hat ein Soldat gesagt: „Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen.“ Mehr als jeder Einsatz in Afghanistan. Den Krieg so nah vor der Tür........
