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Hebammen bauen ein Geburtshaus in Konstanz auf: „Das wird ein Leuchtturmprojekt für die Region“

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20.03.2026

„Das wird was Großes“, sagt Katharina Stamml mit leuchtenden Augen. Die 43-Jährige setzt mit zunächst drei weiteren Hebammen eine Idee um, von der sie schon lange träumt: Sie gründen ein Geburtshaus in Konstanz. „Wir möchten den gebärenden Frauen eine Alternative zur Geburt in der Klinik bieten“, ergänzt Julia Schmitt, 40 Jahre.

Sie pendelte lange nach Villingen, um dort in einem Geburtshaus zu arbeiten. Auch Katharina Stamml sammelte in einer solchen Einrichtung in Radolfzell Erfahrungen. „Viele Familien äußern den Wunsch nach einer außerklinischen Geburt“, so die 43-Jährige, Mutter von drei Kindern im Alter von 10, 13 und 15 Jahren. „Wir möchten sie auf dieser individuellen Reise begleiten.“

Wichtig ist ihr dabei das Miteinander mit dem Klinikum Konstanz, wo sie seit sieben Jahren arbeitet und dies auch künftig tun wird. „Für Frauen soll es kein Entweder-oder sein, sondern ein Sowohl-als auch“, sagt Katharina Stamml, die seit 19 Jahren in Konstanz arbeitet. Vorurteile gegenüber beiden Systemen sollen durch enge Verzahnung abgebaut werden: „Wir arbeiten Hand in Hand mit dem Klinikum.“

Schwangere werden Eins zu Eins betreut

Denn die Hebammen wissen, dass nicht jede Niederkunft, die zu Hause oder im Geburtshaus begonnen wurde, dort auch enden kann. Falls aber während der Wehen aus medizinischen Gründen ein Wechsel in die Klinik nötig ist, sollte nicht von einer abgebrochenen Geburt die Rede sein, finden die beiden. „Jede Frau geht den Weg, der für sie und das Baby passt“, sagt Julia Schmitt. „Außerdem haben wir Doulas im Team, die auf Wunsch die Geburt auch im Klinikum begleiten.“

Im künftigen Geburtshaus gibt es eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Gedacht ist das neue Angebot für gesunde Frauen mit unkomplizierter Schwangerschaft. Bei Vorerkrankungen, Beckenendlage des Kindes, bei Zwillingen oder wenn klar ist, dass das Baby nach der Geburt medizinische Hilfe benötigt, ist das Geburtshaus nicht die richtige Anlaufstelle.

„Aber auch diese werdenden Mütter können bei uns Kurse belegen und später mit ihrem Säugling wiederkommen“, sagt Julia Schmitt, deren Kinder 5 und 9 Jahre alt sind. Denn das Team plant nicht nur Hilfe beim Gebären, sondern möchte auch ein Zentrum für Gesundheitsförderung und Familienbildung aufbauen.

„Wir haben uns mit niedergelassenen Frauenärzten, systemischen Beraterinnen, Osteopathen, Physiotherapeuten und Anbietern von Yoga- und Fitnesskursen vernetzt“, zählt Katharina Stamml auf. Rückbildungsgymnastik und Beckenbodentraining wird es dort auch geben. Denn das künftige Geburtshaus hat zusätzlich zu den Gebärzimmern auch einen Kursraum, einen Hebammenraum und ein Zimmer für Begegnung.

„Für die Zukunft denken wir noch größer“, sagt Katharina Stamml stolz. Das Team, das schon in den Startlöchern stehe, kann sich auch eine Wochenbetteinheit vorstellen. „Das wird ein Leuchtturmprojekt für Konstanz und die ganze Region, denn die nächsten Geburtshäuser gibt es in Villingen und im Schweizer St. Gallen“, ergänzt Julia Schmitt.

„Ich bin eine Art Kreißsaal-Coach“: Was macht eigentlich eine Doula, Katja Berger?

„Unser Haus stärkt die Geburtshilfe in Konstanz“

Durch die Schließung der Geburtsstationen in Radolfzell, Überlingen und Tettnang sei zusätzlich eine Versorgungslücke entstanden. Gerade für eine Stadt wie Konstanz sei dieses Angebot unerlässlich, so Schmitt. Schließlich ist es nicht lange her, dass der Kreißsaal des Klinikums wegen Personalmangels über mehrere Monate je für eine Woche schließen musste.

Für werdende Mütter bedeutete dies große Unsicherheit, bis das Klinikum auf ein Beleghebammensystem umstellte. Die Geburtshelferinnen arbeiten seitdem selbstständig, die Zahl der Geburten schnellte in die Höhe. Doch auch dieses System geriet in die Kritik, seitdem der Hebammenhilfevertrag deutlich schlechtere Bedingungen für freiberufliche Hebammen vorsieht. „Zum Glück gibt es hier aktuell erfreuliche Entwicklungen“, sagt Katharina Stamml, und berichtet von Nachbesserungen. Unter anderem können Hebammen nun Vorsorge besser oder überhaupt erst abrechnen.

„Unser Haus stärkt die Geburtshilfe zusätzlich“, sagt die 43-Jährige. „Jede Frau, die in Konstanz gebären möchte, soll das auch können.“ Um ihren Traum zu verwirklichen, musste das Team viele Stunden Arbeit in das Projekt stecken. Unter anderem gründeten sie einen Verein, der Anfang Dezember 2025 als gemeinnützig anerkannt wurde.

Die Hebammen und ihr Team sind schon viele Schritte gegangen – jetzt fehlt nur noch Geld. „Wir sind mit einigen Stiftungen in Kontakt und haben über Crowdfunding schon 9000 Euro bekommen“, sagt Julia Schmitt. Auch eine Geburtswanne wurde gespendet. Doch um starten zu können, benötigen sie 60.000 Euro. Das Crowdfunding zeigt die Zielsumme von 180.000 Euro an, weil auch noch Geld für den Umbau der Räume benötigt wird.

Unterstützung für das neue Geburtshaus

Träger des Projekts ist der gemeinnützige Verein „Freunde und Förderer Geburtshaus Konstanz e.V.“. Gewinne darf er nicht erwirtschaften. Sämtliche Mittel werden für den Aufbau und den Betrieb des neuen Hauses eingesetzt. Außerdem soll ein Solidaritätsfonds eingerichtet werden, denn den Gründerinnen ist es wichtig, dass jede Familie Zugang zu den Angeboten hat, unabhängig vom Geldbeutel. Die Krankenkassen übernehmen nicht alle Kosten. Weitere Informationen, die Möglichkeit zu spenden und Kontakt im Internet unter www.geburtshaus-konstanz.de

Wo das Geburtshaus entsteht, dürfen Julia Schmitt und Katharina Stamml noch nicht verraten. Nur so viel: „Wir haben ideale Räume nahe dem Klinikum gefunden, der Mietvertrag ist in der Mache“, verrät Stamml. Das Team möchte mit zwei Geburtseinheiten starten, die je aus einem Gebärzimmer und einem Bad bestehen.

Zunächst sind 40 Geburten im Jahr geplant

Wenn das nötige Geld da ist, kann das neue Angebot Ende 2026 an den Start gehen. „Wir planen zunächst mit 40 Geburten im Jahr“, so Stamml. Nach dem vollen Ausbau biete das Haus Kapazitäten für acht bis zehn Hebammen nur für die Geburt. „Wir sind selbst so begeistert, dass wir schon jetzt weitere Interessierte mitreißen“, sagt Julia Schmitt. „Wir sind alle Teil des Projekts, aber austauschbar. So ist gewährleistet, dass das Geburtshaus nicht mit dem Weggang einer Person zusammenbricht, sondern für Konstanz erhalten bleibt.“

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