Am Rande des Erlaubten
Segnung homosexueller Paare: Balanceakt für Papst Leo - ein Kommentar
Am Rande des Erlaubten
Der Streit um die Segnung homosexueller Paare spaltet die katholische Kirche. Papst Leo XIV. hält an der vorsichtigen Linie seines Vorgängers fest – und scheint die deutsche Praxis zumindest zu tolerieren. Das ist ein Balanceakt für den Pontifex.
Papst Leo XIV. dürfte sich sehr bewusst sein, was sein wichtigster Job als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche ist: den Laden zusammenzuhalten. Das wird bereits an seinem Wahlspruch deutlich, der auf Deutsch „In dem Einen sind wir eins“ heißt. Angesichts von weltweit mehr als 1,42 Milliarden Katholikinnen und Katholiken ist es jedoch kein leichtes Unterfangen, eine Glaubenslehre zu formulieren, hinter der sich wirklich alle sammeln können. Gerade wurde das – abermals – an der Frage deutlich, ob und wie homosexuelle Paare von Geistlichen gesegnet werden können.
Der Streit zwischen konservativen Kräften und dem Reformerlager in dieser Frage sollte längst befriedet sein: Ende 2023 erlaubte der Vatikan unter Papst Franziskus erstmals ausdrücklich, dass Gottes Segen gleichgeschlechtlich Liebenden zugesprochen wird. Zugleich betonte das päpstliche Schreiben „Fiducia supplicans“ jedoch, dass eine solche Segenshandlung nur „beiläufig“ geschehen dürfe. Bloß kein feierlicher liturgischer Rahmen – damit niemand auf die Idee kommt, es könnte sich um das Ehesakrament handeln.
Handreichung war ein echter Meilenstein
Die innerkatholische Reformbewegung hierzulande verstand die neue Linie aus Rom als Rückenwind in ihrem Bemühen, Gläubige auf ihren höchst individuellen Lebenswegen eng zu begleiten: Antworten finden wollte man schließlich auch auf die Frage, wie Geistliche geschiedenen und wiederverheirateten Paaren beistehen können. Angesichts der gesellschaftlichen Realitäten in unseren Breiten eine Herausforderung, die es in dieser Intensität in anderen Ländern auch schlichtweg in dieser Form nicht gibt.
Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken verständigten sich vor gut einem Jahr daher auf eine knapp vierseitige Handreichung für Seelsorger. Das Papier mit dem Titel „Segen gibt der Liebe Kraft“ beschreibt, wie entsprechende Segensfeiern angeboten werden können – in klarer Abgrenzung vom Sakrament der Ehe. Das Papier war ein echter Meilenstein, auch wenn es rechtlich nicht bindend ist. Die meisten deutschen Bischöfe haben inzwischen empfohlen, der Handreichung zu folgen, oder sie dulden zumindest, wenn in ihrem Bistum so verfahren wird, wie dort skizziert wurde.
Als nun der mächtige Münchner Kardinal Reinhard Marx das besagte Konzept in seinem Bistum zur Grundlage pastoralen Handelns erklärte, sorgte das für gehörigen Wirbel. Konservative Hardliner weltweit schlugen lautstark Alarm, weil Marx ein einflussreicher Mann in der weltweiten Kirche ist. So sehr, dass sich Papst Leo auf dem Rückflug von seiner Afrikareise dazu genötigt sah, seine Haltung in dieser Thematik klarzumachen. Und die ist eins zu eins die, die schon sein Amtsvorgänger Franziskus hatte.
Ein Kompromiss für die Weltkirche
Dessen Erklärschreiben war nämlich mitnichten ein päpstlicher Alleingang, wie Gegner der Segnung homosexueller Paare oft suggerieren. Sondern ist der sorgsam ausgearbeitete Kompromiss für die große, vielfältige Weltkirche vom argentinischen Kurienkardinal und Glaubenspräfekten Víctor Manuel Fernández. „Ritualisierte Segnungen“, erklärte Leo dieser Linie folgend, werde der Vatikan auch weiterhin nicht billigen.
Die Frage ist daher, ob die in der Mehrheit der deutschen Bistümer praktizierte Form der Segnungen den Rahmen dessen, was Rom erlaubt, bereits ausreizt oder nicht. Papst Leo scheint die deutsche Lösung zumindest zu tolerieren – und das ist eine gute Nachricht. Mahnende Worte an Marx? Gar die öffentliche Androhung kirchenrechtlicher Schritte gegen den Kardinal und andere Bischöfe? Fehlanzeige.
Papst Leo XIV. bremst Segnung homosexueller Paare aus
Der Papst soll wieder eine Krone bekommen – in den US-Farben
Mit Blick auf die Konservativen musste der Pontifex jedoch klarstellen: Noch ein wenig ritualisierter, und der Bogen könnte überspannt sein. Viel mehr als das bis jetzt Erreichte wird mit Rom also nicht zu machen sein. Segenshandlungen für Schwule, Lesben und wiederverheiratete Geschiedene blieben ein heikler Balanceakt. Nicht zuletzt für den Papst selbst – weil er alle zufriedenstellen muss.
