Israelische Angriffe im Libanon: Warum Netanjahus Strategie riskant ist
Israelische Angriffe im Libanon Warum Netanjahus Strategie riskant ist
Meinung | Berlin · Die USA und Iran einigen sich auf eine Waffenruhe. Doch Israel bombardiert am selben Tag den Libanon massiv. Das ist kein gutes Zeichen.
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Ein Arbeiter versucht, Kisten aus einem zerstörten Gebäude in einem von israelischen Angriffen auf Beirut betroffenen Gebiet zu bergen.
Wenn Israel ausgerechnet am Tag der Einigung auf eine Waffenruhe zwischen den USA und Iran die heftigsten Angriffe auf den Libanon seit Beginn des neuen Krieges gegen die Hisbollah fliegt, ist das kein gutes Zeichen. Zum einen liefert die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu Teheran damit Argumente, die Blockade der Straße von Hormus doch nicht aufzuheben oder gar die Waffenruhe insgesamt infrage zu stellen. Zum anderen klingen Bombardierungen im ganzen Land mit mindestens 200 Toten und über 1000 Verletzten an einem Tag nicht nach begrenzten, präzisen Schlägen, sondern nach zusätzlichem Leid für eine Zivilbevölkerung, die seit Wochen massiv gebeutelt ist. Auch wenn Führungsmitglieder der Hisbollah getötet wurden: Staaten sind völkerrechtlich verpflichtet, bei Militärschlägen größtmögliche Rücksicht auf Zivilisten zu nehmen.
Netanjahus Strategie wirft zudem grundsätzliche Fragen auf. Zur Erinnerung: Die Hisbollah wurde in der Asche des Libanonkriegs 1982 geboren, als Israel bis nach Beirut vorstieß, um die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) zu vertreiben. In dem dadurch entstandenen Vakuum konnte die Organisation wachsen, die 18 Jahre dauernde israelische Besatzung im Südlibanon stärkte die radikal-islamische Miliz weiter, weil sie sich als Kraft des Widerstands inszenieren konnte. Auch in Israel erinnern Medien in diesen Tagen an jene Zeit zurück - und an den Vorsatz, nie wieder im „libanesischen Sumpf“ stecken zu bleiben. Auch wenn sich Geschichte nicht wiederholen muss, macht sie doch die Gefahren deutlich.
Die Chancen für Diplomatie sind jetzt wiederum vergleichsweise groß. Libanons Präsident Joseph Aoun hat signalisiert, einem Abkommen über eine dauerhafte Friedensordnung in der Region beizutreten – auch direkte Verhandlungen mit Israel wurden in Aussicht gestellt. Die Regierung in Beirut hatte ihre Gangart gegenüber der Hisbollah verschärft und eine Entwaffnung der Schiiten-Miliz angekündigt. Die Hisbollah ist durch den Sturz des Assad-Regimes in Syrien geschwächt sowie durch die Operationen 2024, als unter anderem die Pager Hunderter Hisbollah-Mitglieder explodierten und später auch Anführer Hassan Nasrallah bei einem Luftschlag getötet wurde.
Die iranisch geführte „Achse des Widerstands“, die die Zerstörung Israels propagiert, ist insgesamt geschwächt. Das kann Spielräume eröffnen. Doch je größer das Leid der Zivilbevölkerung, desto eher bekommen radikale Gruppen wieder Zulauf. Wer langfristig Stabilität will, muss die militärischen Maßnahmen auf das Notwendige begrenzen, zivile Schäden minimieren und diplomatische Gelegenheiten nutzen, solange sie da sind.
