Debatte um Männlichkeit: Sind junge Männer die Verlierer der Gesellschaft?
Debatte um Männlichkeit Sind junge Männer die Verlierer der Gesellschaft?
Analyse | Berlin · In Großbritannien verdienen junge Männer weniger als Frauen, brechen häufiger die Schule ab. Ministerin Karin Prien befürchtet in Deutschland ein ähnliches Szenario. Ein Forscher beruhigt.
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Berlin: Wie steht es um junge Männer in Deutschland?
Jungen Männern geht es schlecht, lautet die Erzählung: Sie werden unterdrückt von Feministinnen und einer Gesellschaft, die wahre Männlichkeit nicht mehr schätzt, ja, sogar verteufelt. Das ist noch eher die harmlose Zusammenfassung des Weltbilds einer Szene, die sich vor allem auf Internetplattformen zusammengefunden hat. Die Manosphere (zu Deutsch: Mannosphäre) ist der Oberbegriff, unter dem sich Influencer auf Instagram und Tiktok sowie Gruppen in Internetforen zusammenfassen lassen. Von Tipps, wie man Frauen beim Dating besser manipulieren kann, über die vermeintlich richtige männliche Ernährungsweise (viel rohes Fleisch, Soja-Produkte nur für Weicheier) bis hin zu Gewalt- und Tötungsfantasien gegenüber Frauen – die Mannosphäre deckt alles ab. Die emanzipierte, selbstbewusste Frau als Hassobjekt ist das, was solche Gruppen verbindet. Frauen wollen aus deren Sicht nicht einfach nur gleichberechtigt sein, sondern Männer kleinhalten. Manche Internetgemeinschaften sind überzeugt, dass das schon passiert.
Es ist eine Erzählung, die vor allem dort auf fruchtbaren Boden fällt, wo junge Männer sich abgehängt fühlen. Auch deshalb will die Bundesfamilien- und Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sich des Themas annehmen. „Was uns nicht passieren darf, ist, dass wir zunehmend eine Männergeneration bekommen, die sich als Verlierer empfindet und dadurch anfällig für autoritäre Weltbilder und extremistische Inhalte ist“, sagte sie jüngst unserer Redaktion. „Als Politik müssen wir jungen Männern zeigen, dass auch ihre Bedürfnisse wahrgenommen werden.“
Studie: Soziale Medien prägen Weltbilder von Jugendlichen
Soziale Medien sind für Jugendliche zur zentralen Quelle für Information und Orientierung geworden: Neun von zehn nutzen sie, um sich über Themen zu informieren, die sie interessieren. Das zeigt eine Studienreihe des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), die von der von Maria und Elisabeth Furtwängler gegründeten MaLisa Stiftung initiiert wurde.
Laut der Analyse „Soziale Medien, Geschlechterbilder und Werte“, an der auch das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales beteiligt war, lesen 84 Prozent der 13- bis 18-Jährigen in sozialen Netzwerken Kommentare, um zu verfolgen, wie andere diskutieren. 66 Prozent informieren sich dort über Politik und Zeitgeschehen. Plattformen wie TikTok oder Instagram seien für viele Jugendliche inzwischen „zentrale Orte der Weltdeutung und Wertebildung“, heißt es in der Studie.
Auffällig sind laut Studie Unterschiede bei den Weltbildern von Jungen. Rund 26 Prozent der befragten Jungen würden den Forschenden zufolge ein „besorgniserregendes Weltbild“ aufweisen. Dieses sei unter anderem geprägt von rechten politischen Einstellungen, Klimaskepsis, LGBTQ+-Ablehnung und traditionellen Männlichkeitsbildern. Klimaleugnung, rechte Orientierung und hierarchische Rollenbilder träten dabei häufig gemeinsam auf. Diese Bündelung sei „in dieser Form erstmals wissenschaftlich dokumentiert“, hieß es.
Qualitative Analysen zeigen nach Angaben des Forschungsteams außerdem, dass der TikTok-Algorithmus Jungen, die sich etwa für Fitness oder Luxusautos interessieren, verstärkt Inhalte rechtsextremer Akteure oder der sogenannten „Manosphere“ anzeigen kann. Diese knüpften gezielt an Gefühle wie Einsamkeit oder Frustration an.
Frauenverachtende „Manosphere“
In einer weiteren Untersuchung testete das Forschungsteam kurze Gegenimpulse in Form von TikTok-Clips. In einem Beispiel sank die Zustimmung zur sogenannten „Red-Pill-Ideologie“ bei rechtsorientierten Jungen von 50 auf 43 Prozent, nachdem sie ein zwölf Sekunden langes Video gesehen hatten. Aussagen über langfristige Effekte seien jedoch nicht möglich, betonen die Forschenden.
Zur „Manosphere“ werden digitale Inhalte gezählt, die sich mit frauenverachtenden Aussagen besonders an junge Männer und Jugendliche wenden, um Bilder einer starken Männlichkeit zu verbreiten. Sie propagieren in sozialen Netzwerken stereotype Geschlechterrollen, stellen Männer als „Opfer“ der Gleichberechtigung dar und verharmlosen oder rechtfertigen Gewalt gegen Frauen.
Die Studienreihe basiert auf einer repräsentativen Befragung von 705 Jugendlichen sowie weiteren qualitativen und medienanalytischen Untersuchungen zwischen Februar und September 2025. (dpa)
Folgen der Coronapandemie
Prien verweist auf die Situation in Großbritannien. Dort ist vor einem Jahr eine Studie erschienen mit dem Titel „Lost Boys“ (Verlorene Jungen). Die Autoren stellten darin fest, dass seit der Coronapandemie mehr junge Männer im Vereinigten Königreich ohne Ausbildung oder Job sind als junge Frauen. Für die Altersspanne zwischen 16 und 24 Jahren habe sich das Lohngefälle umgekehrt: Seit zwei bis drei Jahren verdienen Jungen und Männer demnach weniger als Mädchen und Frauen – aber nicht, weil Frauen mehr Geld bekommen, sondern weil Männer bei Lohn und Gehalt abschmieren. Auch in der Schule stehen Jungs den Angaben zufolge oft schlechter da, werden häufiger wegen ihres Verhaltens vom Unterricht ausgeschlossen und machen seltener einen Abschluss. Droht in Deutschland auch eine solche Entwicklung?
Der Heidelberger Sozialforscher Tim Gensheimer sieht das aktuell zumindest nicht. „Von einer pauschalen Generation abgehängter junger Männer kann keine Rede sein“, sagte er unserer Redaktion. „Die große Mehrheit der Jungen ist mit ihrem Leben zufrieden und blickt optimistisch in die eigene Zukunft – sogar etwas häufiger als Mädchen.“ Der Wissenschaftler am Sinus-Institut verwies dabei auf die repräsentative Sinus-Jugendstudie 2025/2026 im Auftrag der Barmer, für die bundesweit 2000 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren befragt wurden. 80 Prozent der Befragten blickten demnach optimistisch in ihre persönliche Zukunft. Dieser Wert sei seit dem Jahr 2021 weitgehend konstant geblieben, hieß es. Deutlich pessimistischer sind die Jugendlichen, was die Zukunft Deutschlands und der Welt angeht. Mit Blick auf Deutschland zeigten sich lediglich 44 Prozent optimistisch, bei der Weltlage nur noch 36 Prozent.
Sozialen Bedingungen ausschlaggebend
Für die persönlichen Zukunftschancen ist laut Gensheimer nicht das Geschlecht, sondern vor allem die soziale Lage junger Menschen entscheidend. „Wer unter schwierigen sozialen Bedingungen aufwächst, hat deutlich geringere Perspektiven – das gilt für Jungen und für Mädchen.“ Dass Jungen in manchen Schulfächern schlechter abschneiden, ist seinen Erkenntnissen nach kein Naturgesetz. „Motivation und Leistung in der Schule entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie hängen stark vom sozialen Umfeld und von der Qualität des Unterrichts ab.“
Das größte Risiko, den Anschluss zu verlieren, tragen seinen Erkenntnissen nach Jungen und Mädchen aus dem prekären Milieu. „Sie wachsen meist in dauerhafter finanzieller oder familiärer Unsicherheit auf. Wer immer wieder erlebt, dass sich Anstrengung nicht lohnt, verliert früh das Vertrauen, das eigene Leben gestalten zu können.“ Das Elternhaus bleibe somit die zentrale Stellschraube für die Zukunft junger Menschen. „Auch heute gilt immer noch: Je besser die finanzielle Lage oder das Bildungsniveau der Eltern, desto besser die Chancen der Kinder und Jugendlichen – das nehmen sie auch so selbst wahr.“
Debatten um Geschlechtergerechtigkeit und Rollenbilder sind dem Wissenschaftler zufolge indes längst bei Jugendlichen angekommen. Doch: „Die große Mehrheit steht vielfältigen Lebensweisen offen gegenüber. Viele sind sensibel für bestehende Geschlechterstereotype und halten traditionelle Rollenmuster für nicht mehr zeitgemäß, ohne dabei ideologisch aufzutreten.“ Jugendliche sind somit nicht ideologisch-politisch „woke“, sondern eher „aware“ – also für das Thema sensibilisiert.
Die Mannosphäre mit ihren einfachen Erzählungen lenkt hingegen von den wahren Problemen ab.
