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Baden-Württemberg: Cem Özdemir und seine fulminante Aufholjagd

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08.03.2026

Baden-Württemberg Cem Özdemir und seine fulminante Aufholjagd

Berlin · Einiges spricht dafür, dass Cem Özdemir der nächste Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden könnte. Sein Wahlkampf war ganz auf seine Person ausgerichtet, zur eigenen Partei ging der Grüne auf größtmögliche Distanz.

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Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir im Wahlkampf.

Wäre es nur nach den persönlichen Beliebtheitswerten gegangen, wäre von vorneherein klar gewesen, dass Cem Özdemir die Wahl gewinnt. Der 60-jährige „anatolische Schwabe“, wie er sich nennt, lag hier weit vor seinem Kontrahenten, dem 37 Jahre alten Manuel Hagel (CDU). Der frühere Grünen-Chef und ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister konnte sowohl seine Bekanntheit als auch seine jahrzehntelange politische Erfahrung in die Waagschale werfen. Und war damit nach den ersten Hochrechnungen am Sonntagabend erfolgreich.

In Krisenzeiten setzen die Menschen darauf besonders – und seit Beginn des Iran-Krieges wog dieses Argument wohl noch mehr. Özdemir setzte im Wahlkampf komplett auf seine Person. „Der kann es“, prangte auf seinen Wahlplakaten – in Erinnerung an den erfolgreichen Bundestagswahlkampf von Alt-Kanzlerin Angela Merkel vor ihrer letzten Wahlperiode.

Dass Özdemir der Partei Bündnis 90/Die Grünen angehört, war kaum zu spüren. Auch inhaltlich ging der Kandidat auf größtmögliche Distanz zur eigenen Partei – etwa indem er anders als die Bundesgrünen die Aufweichung des Verbrenner-Aus in der EU unterstützte. In Baden-Württemberg muss sich jeder Ministerpräsident gut mit der Automobilindustrie und ihren Beschäftigten stellen – so wie es auch Winfried Kretschmann stets getan hat, der bislang einzige grüne Regierungschef.

Der 77-Jährige hatte es jedoch unterlassen, Özdemir rechtzeitig vor Ende seiner dritten Amtszeit als Nachfolger zu installieren, um ihm den Amtsbonus zu ermöglichen. Doch Özdemir legte dennoch eine fulminante Aufholjagd hin. Wie Kretschmann vertritt Özdemir moderate, wirtschaftsfreundliche und teilweise konservative Positionen. Als etwa die Grünen im Europaparlament vor wenigen Wochen für die Überprüfung des Mercosur-Freihandelsabkommens der EU mit Südamerika votierten, gehörte Özdemir zu ihren lautesten Kritikern.

Als ein von einer Grünen-Abgeordneten ausgegrabenes, acht Jahre altes Video, in dem Konkurrent Hagel umstrittene Worte über die „rehbraunen Augen“ einer 16-jährigen Schülerin gefunden hatte, zeigte Özdemir keine Häme. Geschickt nahm er Hagel vielmehr in Schutz. Dass seine Parteifreundin das alte Video für den Wahlkampf instrumentalisiert hatte, gehört zu den Besonderheiten dieses Wahlkampfs – ebenso wie seine Hochzeit zwei Wochen vor der Wahl. Özdemir heiratete am Valentinstag kurz nach Mitternacht seine 20 Jahre jüngere Lebensgefährtin Flavia Zaka, eine kanadische Juristin, in Tübingen. Standesbeamter war Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos). Wähler konnten darin eine bewusste Inszenierung sehen. Palmer ist ein alter Freund Özdemirs. Im Ländle wurde spekuliert, ob er Minister unter Özdemir werden würde, was aber in Grünen-Kreisen als absurd gilt.

Özdemir verband im Wahlkampf die Herkunft seiner Eltern und sein Leben als türkisches Migrantenkind mit seiner politischen Vita. 1994 zog er als erstes Kind türkischer Gastarbeiter in den Bundestag ein. 2002, nach einer Affäre um die private Nutzung von Bonusmeilen, wurde es vorübergehend still um ihn. Doch bereits zwei Jahre später saß er wieder im Europaparlament. Von 2008 bis 2018 war Özdemir, der dem pragmatischen Realo-Flügel seiner Partei angehört, Chef der Grünen. 2021 wurde er als erstes Kind türkischer Gastarbeiter Mitglied einer Bundesregierung.


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