Irankrieg: Warum Meerengen strategisch so wichtig sind
Irankrieg Warum Meerengen strategisch so wichtig sind
Düsseldorf · Wasserstraßen sind seit der Antike neuralgische Zonen der Machtpolitik – heute steht die Straße von Hormus im Zentrum des Weltgeschehens. Den Zwängen der Geografie entkommt nicht einmal Donald Trump.
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Die Straße von Hormus auf einem Satellitenbild.
Eine Meerenge hat den Zweiten Weltkrieg entschieden. Im Juni 1940, als die deutschen Panzerdivisionen Frankreich überrollt hatten, lag zwischen Adolf Hitler und der Herrschaft über ganz Westeuropa nur ein bisschen Wasser: der Ärmelkanal. Für die Eroberung Großbritanniens musste die Kriegsmarine eine riesige Invasionsflotte sichern. Das aber war nur möglich, wenn die Luftwaffe die Royal Air Force zerstören könnte. Sonst würden die deutschen Transporte versenkt, bevor sie die Strände von Kent und Sussex überhaupt zu Gesicht bekämen.
Doch die RAF siegte in der Luftschlacht um England, Unternehmen „Seelöwe“ wurde erst verschoben und schließlich abgeblasen. Die heroische Anstrengung dieses Sommers hielt Großbritannien im Krieg. 1944 war die Insel dann Ausgangspunkt für den Anfang von Hitlers Ende: die Invasion. So kam nicht der Tod über den Kanal nach Norden, sondern die Freiheit über den Kanal nach Süden. Und die letzte Eroberung Englands bleibt die der Normannen im Jahr 1066.
Basis Juristische Grundlage für den Umgang mit Meerengen ist das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen, das 1994 in Kraft trat.
Regel In Meerengen, die der internationalen Schifffahrt dienen, gilt grundsätzlich das Recht der freien Durchfahrt. Schiffe, müssen „die Meerenge unverzüglich durchfahren oder überfliegen“ und dürfen Anliegern keine Gewalt androhen oder Gewalt gegen sie anwenden. Anliegerstaaten dürfen den Transit nicht behindern oder das Recht dazu aussetzen.
An Meerengen spitzen sich die Dinge zu, seit Menschen in Boote steigen. Meerengen sind Brennpunkte der Machtpolitik, wie derzeit die Straße von Hormus zwischen dem Persischen Golf und dem Indischen Ozean. Meerengen sind neuralgische Zonen, auch heute noch, da die Welt durch das Internet längst zum globalen Dorf geschrumpft ist.
Aber Erz, Öl und Gas lassen sich nicht per E-Mail verschicken. Und gerade schwere Dinge lassen sich auch schlecht per Flugzeug befördern: Bezogen auf das Gewicht, hat der Luftweg nur einen Anteil von einem Prozent am globalen Warenverkehr. Ohne Schiffe geht es nicht. Und früher oder später dampft fast jedes Schiff auf eine Meerenge zu.
Die Geopolitik kehrt zurück
Über die Bedeutung von Meerengen nachzudenken, ist deshalb nicht einfach Zeitvertreib für Hobbystrategen und Möchtegernadmiräle. In einer Zeit, da die Geopolitik mit Macht zurückkehrt, schärft es den Blick für Abhängigkeiten und historische Zusammenhänge, für die Zwänge der Geografie. Meerengen sind ein gutes Beispiel dafür, wie Strukturen die Politik bestimmen. Donald Trump mag noch so sehr toben – einen anderen Ausgang aus dem Persischen Golf als die Straße von Hormus wird auch er nicht finden.
Grob gesagt, sind Meerengen aus drei Gründen wichtig: weil sie trennen, weil sie wenig Platz bieten, weil sie ein Durchlass sind. Der Ärmelkanal 1940 ist das beste Beispiel für eine trennende (und rettende) Meerenge. Die Existenz des Staates Taiwan verdankt sich der gleichnamigen Wasserstraße, die 1949 verhinderte, dass die Kommunisten unter Mao Tsetung im Bürgerkrieg auch die letzte Bastion der Nationalisten überrannten.
Dass der Platzmangel in einer Meerenge entscheidend sein kann, demonstrierten die Griechen unter Themistokles schon vor zweieinhalbtausend Jahren den Persern, als sie deren Schiffe in den engen Sund zwischen der Insel Salamis und der Halbinsel Attika lockten und versenkten – die persische Flotte konnte ihre Übermacht buchstäblich nicht entfalten. Heute sind Meerengen wie der Bab al-Mandab zwischen dem Roten Meer und dem Indischen Ozean oder die Straße von Malakka bei Singapur Hotspots der Piraterie, eine Art Schlaraffenland für Seeräuber, wo ihnen die Beute auf kleinem Raum sozusagen in die Arme fährt.
Ihre klassische strategische Bedeutung erlangen Meerengen aber, weil sie Tore sind, Ein- oder Ausgänge, Schlüsselpositionen – für Handels- ebenso wie Kriegsschiffe. Ein Fünftel aller Öltransporte weltweit muss durch die Straße von Hormus; für Japan etwa liegt die Quote über 90 Prozent. Chinas Wirtschaft wiederum ist strategisch abhängig davon, dass die Straße von Malakka offen bleibt.
Vom Felsen von Gibraltar lässt sich die Einfahrt ins Mittelmeer kontrollieren – kein Wunder, dass ihn die Engländer schon 1704 im Spanischen Erbfolgekrieg eroberten und seitdem nicht hergegeben haben, sehr zum Ärger Spaniens. „Die Meerengen“ schließlich waren über rund 150 Jahre bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ein stehender Begriff für den Bosporus und die Dardanellen, also den Übergang zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer: Die Osmanen kontrollierten sie, die Russen wollten sie. Die Schlacht von Gallipoli, als Zehntausende Briten, Australier und Neuseeländer 1915 beim Versuch verbluteten, die Dardanellen zu erobern und zu öffnen, ist ein grauenvolles Zeugnis ihrer überragenden strategischen Bedeutung.
Russland, auch deshalb das Interesse an den Dardanellen, strebt seit Jahrhunderten nach eisfreien Häfen für seine Flotte. Auch der Ausgang aus der Ostsee lässt sich den Russen leicht versperren: Zwischen Schweden und dem dänischen Festland liegen reichlich Inseln – und die Meerengen Öresund, Großer und Kleiner Belt.
Die größte Meerenge der Welt
Mit Russland hat auch die womöglich größte Meerenge der Welt zu tun, die sogenannte GIUK-Lücke zwischen Grönland, Island und Großbritannien (G-I-UK), der Zugang vom Nordmeer zum Nordatlantik. Auf ihr lag in den Kriegen gegen Deutschland stets das besondere Augenmerk der Royal Navy; im Kalten Krieg galt sie als sowjetisches Einfallstor in den Atlantik, wo Schifffahrt und Versorgung gefährdet gewesen wären. Ob GIUK allerdings noch als Meerenge zu bezeichnen ist? Wir reden hier immerhin von 1500 Kilometern Luftlinie.
Wer Meerengen dauerhaft überwindet, hat einen Platz im Geschichtsbuch sicher. Die Brücke über das Golden Gate bei San Francisco und die Öresundbrücke sind Triumphe der Ingenieurskunst. Die Fertigstellung der gigantischen Hängebrücke über die Dardanellen war nicht zuletzt ein Propagandaerfolg für Recep Tayyip Erdogan, wie die neue Brücke über die Straße von Kertsch zur annektierten Krim ein Prestigeobjekt für Wladimir Putin ist. Seit Jahrzehnten träumen italienische Regierungen davon, Sizilien per Brücke über die Straße von Messina ans Festland anzubinden – Skylla und Charybdis haben es bisher verhindert.
Selbst Großbritannien hängt inzwischen am Kontinent, allerdings nicht durch eine Brücke, sondern durch einen Tunnel. An klaren Tagen kann man von Kap Gris-Nez bei Calais die Kreidefelsen von Dover sehen. 1940 entschied sich an diesen 34 Kilometer Wasser das Schicksal Europas. Die Straße von Hormus ist nur wenige Kilometer breiter.
