Historiker Geppert zur internationalen Politik: „Deutschland hat drei Optionen“
Herr Professor Geppert, wie groß ist der historische Bruch in der Weltpolitik, den wir gerade erleben?
Geppert Es ist der größte Bruch meiner Lebenszeit, sicherlich größer als der von 1989/90. Damals wurde immerhin der Gedanke einer liberalen, auf der Selbstbestimmung der Völker und auf den Menschenrechten beruhenden Ordnung bestätigt. Heute steht nicht nur das infrage, sondern auch das Völkerrecht und die Verbindlichkeit internationaler Verträge – deshalb erleben wir wahrscheinlich den größten Bruch seit 1945.
Zerfällt die regelbasierte Ordnung, oder wandelt sie sich?
Geppert Es gibt auch in der neuen Weltunordnung Grundregeln. Wir werden an die alte Regel der Geopolitik erinnert: an die Tatsache, dass Staaten nach Macht streben, nach Sicherheit, nach Einfluss durch strategische Kontrolle über Territorium, über Ressourcen, über Handelswege. Wir werden daran erinnert, dass große Imperien sich selten friedlich auflösen. Wir werden schließlich auch an die Regel erinnert, dass es so etwas gibt wie imperiale Überdehnung – das ist der Startpunkt der amerikanischen Neuorientierung. Die Ordnung nach 1945 hat kleinen und mittleren Mächten relativ große Mitspracherechte gegeben und jedenfalls im Westen auch Freiheit und Sicherheit. Das ändert sich jetzt.
Das klingt, wenn Sie es so beschreiben, nach Rückkehr ins 19. oder sogar ins 18. Jahrhundert.
Geppert Wir sollten dem 19. Jahrhundert nicht unrecht tun – das ist das Jahrhundert, in dem sich das Völkerrecht herausgebildet hat. In mancher Hinsicht sind wir heute näher am 18. Jahrhundert der Kabinettskriege oder sogar am 16./17. Jahrhundert mit seinen Söldnerheeren.
Eine Ehrenrettung des 19. Jahrhunderts?
Geppert Nicht unbedingt. Immerhin entstand damals auch die Pentarchie der fünf großen Mächte mit gewissen Regeln, nach denen die Großen für die Kleineren die internationale Ordnung mitentschieden haben. In Moskau und Peking will man dorthin zurück und offenbar auch manche in Washington.
Geboren 1970 in Freiburg im Breisgau.
Werdegang 1990–1996 Studium von Geschichte, Philosophie und Jura in Freiburg und Berlin, 2000–2005 Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut London, 2010–2018 Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Bonn, seit 2018 Professor für Geschichte des 19./20. Jahrhunderts in Potsdam.
Veröffentlichungen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. C.H. Beck 2021, 128 Seiten, 9,95 Euro. – Die Ära Adenauer. WBG 2022, 171 Seiten, 22 Euro. – Einig Vaterland? 31 Essays zur deutsch-deutschen Geschichte. Droste 2025, 400 Seiten, 39,80 Euro. (Herausgeber,........



















































