menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Diskussion um Lateinunterricht: Warum nutzlose Bildung eine gute Sache sein kann

21 0
24.02.2026

Diskussion um Latein: Plädoyer für nutzlose Bildung

Diskussion um Latein: Plädoyer für nutzlose Bildung

Diskussion um Lateinunterricht Warum nutzlose Bildung eine gute Sache sein kann

Meinung | Düsseldorf · An österreichischen Gymnasien soll bei den alten Sprachen gekürzt werden. Der Aufschrei ist groß, zugleich wird auch in Deutschland munter über neue Schulfächer debattiert. Und immer geht es um Zweckmäßigkeit. Das aber ist ein bisschen zu einfach.

Diese Audioversion wurde künstlich generiert. Mehr Infos | Feedback senden

Bitte was? Eine lateinische Inschrift.

Erste Stunde: Klima. Zweite Stunde: Digitale Welt. Große Pause. Dritte Stunde: Medien. Vierte Stunde: Alltagskompetenz (mit schriftlichem Test). Große Pause. Fünfte Stunde: Benehmen. Sechste Stunde: Berufsorientierung. Mittagspause. Und danach, wenn schon keiner mehr zuhört, eine Doppelstunde Glück.

Das ist ein fiktiver Stundenplan, aber alle genannten Inhalte sind schon einmal als reguläre Schulfächer in Deutschland vorgeschlagen oder sogar getestet worden. Die Diskussion um den Fächerkanon ist alt und unvermeidlich. Klassiker sind die Forderungen nach Unterricht in Wirtschaft und nach Abschaffung von Latein – in Österreich will die Regierung das Lateinpensum in der Oberstufe kürzen, zugunsten von Unterweisung unter anderem in künstlicher Intelligenz, was einen öffentlichen Aufschrei verursachte. In Zeiten schlauer werdender Übersetzungshilfen wirbt zudem etwa der scheidende baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann dafür, die zweite Fremdsprache zu streichen.

Schulform Im Herbst 2025 stimmten in einer Forsa-Umfrage für den Deutschen Philologenverband nur sieben Prozent der Befragten der These zu, das Gymnasium müsse abgeschafft werden. Zugleich plädierten aber 27 Prozent für eine „gemeinsame Schule für alle“.

Fächer In In einer Yougov-Umfrage landete 2019 Benehmen in der Liste gewünschter Schulfächer ganz oben (56 Prozent), gefolgt von Berufs- und Studienorientierung (49) und Wirtschaft (48).

Regelmäßig gehen in den sozialen Medien Beiträge junger Leute viral, die erhebliche Teile des bildungsbürgerlichen Wissenskanons vermittelt bekamen, nach eigenen Angaben aber von Versicherungen keinen Schimmer haben. Auch Geschichte gerät immer wieder ins Visier der Lehrplanoptimierer, etwa bei Verschiebungen in den Stundentafeln. Naturwissenschaften und Mathematik haben es hingegen deutlich einfacher – ihre Daseinsberechtigung gilt ohne größere Diskussionen als erwiesen.

Wer ein neues Fach will, muss woanders streichen

Stets lautet die Begründung der Änderungsvorstöße: Zweckmäßigkeit, gern auch als Sinnhaftigkeit aufgeladen. Das kann positiv formuliert sein (Dieses Fach brauchen wir, weil…) oder negativ (Dieses Fach brauchen wir nicht mehr, weil…) – beides geht unweigerlich Hand in Hand, weil die Fächerdebatte ein Nullsummenspiel ist: Wer hier etwas hinzufügt, wird dort etwas streichen müssen. Oder andersrum: Wer wagt, hier etwas zu streichen, gewinnt dort Freiraum für Neues.

Beide Parteien, die Anwälte der Zweckmäßigkeit wie die Verteidiger des Status quo, berufen sich (vermutlich teils unbewusst) auf Seneca. Dessen Klage „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“ wird heute meist umgekehrt verwendet, als ermunterndes Motto. Wenn sich aber zwei gegensätzliche Meinungen auf dieselbe Quelle berufen, liegt vermutlich ein Missverständnis vor. Seneca zog jedenfalls nicht für mehr unmittelbar anwendbares Schulwissen zu Felde, sondern gegen stumpfen Formalismus, gegen brutale Bimserei („Nicht gut macht derlei, sondern ‚gebildet‘“). Modern gesagt: für ganzheitliche Bildung.

Wer Nützlichkeit fordert, verwechselt häufig Bildung mit Ausbildung. Das Gymnasium, nach wie vor als Institution unantastbar und ungebrochen nachgefragt, soll aber gar nicht vermitteln, welche Lebensversicherung die beste ist, sondern, Zitat Schulgesetz NRW, „eine vertiefte allgemeine Bildung, die sie (die Schülerinnen und Schüler) befähigt, ihren Bildungsweg an einer Hochschule, aber auch in berufsqualifizierenden Bildungsgängen fortzusetzen“. Ein breites Fundament also für weitere Unternehmungen wissenschaftlicher oder praktischer Art. Von da ist es nicht weit zu der These, dass geistige Herausforderung ein Wert an sich sein kann.

Bitte alles, am besten sofort

Natürlich ist auch die Herstellung von Studierfähigkeit ein Zweck; selbst allgemeine Persönlichkeitsbildung ist ein Zweck. Aber eben einer der zweiten Ordnung, kein direkt anwendbarer. Dem Gymnasium geht es nicht um unmittelbar abzurechnende Nützlichkeit. Der Mut zur Zweckfreiheit aber schwindet, wenn der Eindruck nicht täuscht. 73 Prozent gaben 2024 in einer Allensbach-Umfrage den Wunsch an, Schulen müssten besser aufs Berufsleben vorbereiten; 2003 waren es nur 37 Prozent gewesen.

Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass sich die Anteile derer, die mehr Allgemeinbildung und mehr Leistungskontrolle fordern, ebenfalls ungefähr verdoppelt haben. Also bitteschön alles, am besten sofort. Mehr Spezialisierung und mehr Allgemeinbildung zugleich wird kaum funktionieren, aber es dürfte nicht allzu weit hergeholt sein, aus alldem den Schluss zu ziehen, dass das Bedürfnis nach Differenzierung (in den Inhalten, nach Leistung, auch nach Bildungsgängen) nach wie vor stark ist.

Das Beispiel Latein zeigt, welch kuriose Blüten diese Widersprüche treiben können. Auch das Lateinlernen wird immer wieder mit Nützlichkeitsargumenten gerechtfertigt – man lerne leichter andere Fremdsprachen, erhalte besseren Zugang zu den Abstraktionen der Mathematik, gewinne mehr Sicherheit im Deutschen. Studien nähren zumindest teilweise Zweifel an solchem Kollateralnutzen. Zugleich gibt es Hinweise, dass Latein ein willkommenes Mittel geworden ist, seinen sozialen Geltungsdrang zu befriedigen: Mein Kind lernt Latein, mein Kind gehört zu den besseren Kreisen, und wenn genügend andere so denken, wird mein Kind bessere Chancen im Leben haben als andere. Zu irgendwas muss diese olle Sprache doch gut sein!

In dieser Deutlichkeit ist das neu – klassische Bildung war immer schon Teil des bildungsbürgerlichen Habitus, aber eben lange in der Schulform Gymnasium versteckt, die selbst schon eine Bastion selbst ernannter oder tatsächlicher höherer (was in Deutschland meist heißt: reicherer und deshalb besser ausgebildeter) Schichten war. Man blieb unter sich. Seit große Teile eines Grundschuljahrgangs aufs Gymnasium wechseln, wächst offenbar das Bedürfnis, sich innerhalb der Schulform abzuheben – eben mit Latein, das damit, polemisch gesagt, an die Seite von Golfkursen und Oboenunterricht getreten ist.

Statt auf den eher allgemeinen und deshalb etwas glitschigen Seneca zu verweisen, sollten sich die Befürworter einer zweckfreien Bildung vielleicht eher an Diogenes halten, den Mann aus der Tonne. Der lief am helllichten Tag mit einer Laterne durchs antike Athen und begründete das mit dem Satz: „Ich suche einen Menschen.“ Zum Menschsein gehört es, auch mal Dinge zu tun, die keinen unmittelbaren Nutzen bringen. Sogar in der Schule. Und sogar wenn es Mühe macht.

www.facebook.com/rponline

Rheinische Post Mediengruppe

Vertrag mit Werbung kündigen

NRW Panorama NRW Schule Städte Landespolitik Kultur Freizeit Restaurants und Kulinarisches Verkehr Urlaub und Ausflüge in NRW Kommunalwahl

Freizeit Restaurants und Kulinarisches

Restaurants und Kulinarisches

Urlaub und Ausflüge in NRW

Politik Deutschland News aus Berlin EU-Politik Ausland Krieg in der Ukraine

Deutschland News aus Berlin

Ausland Krieg in der Ukraine

Sport Fußball Borussia Mönchengladbach Fohlenfutter Fortuna Bundesliga 2. Bundesliga Champions League Europa League DFB-Pokal WM Andere Teams DFB-News Historie Team-Porträts EM Andere Teams Alles zum DFB Team-Porträts International Andere Ligen England Italien Spanien Eishockey DEG DEL Formel 1 Handball Tennis US-Sport Wintersport Radsport Weitere Sportarten Basketball Leichtathletik Football Hockey Hockey EM Lokalsport

Fußball Borussia Mönchengladbach Fohlenfutter Fortuna Bundesliga 2. Bundesliga Champions League Europa League DFB-Pokal WM Andere Teams DFB-News Historie Team-Porträts EM Andere Teams Alles zum DFB Team-Porträts International Andere Ligen England Italien Spanien

Borussia Mönchengladbach Fohlenfutter

WM Andere Teams DFB-News Historie Team-Porträts

EM Andere Teams Alles zum DFB Team-Porträts

International Andere Ligen England Italien Spanien

Panorama Deutschland Ausland Leute Fernsehen Wissen Bildung und Hochschule Forschung Klima Weltraum Mode Adel Religion TV-Programm Niederlande

Wissen Bildung und Hochschule Forschung Klima Weltraum

Bildung und Hochschule

Kultur Kunst Musik Film Buch

Wirtschaft Unternehmen Finanzen

Digital Smartphones Internet TV PC und Tablets Games Kameras Apps Neuheiten

Podcasts Brunch Rheinpegel Gründerzeit Fohlenfutter Praktisch Faktisch Tonspur Wissen Hinreichend verdächtig

Hinreichend verdächtig

Leben Auto Autokauf Fahrberichte Fahrrad Motorrad News Bauen-Kaufen-Wohnen Beruf Familie Gesundheit Ernährung und Diät Fitness Medizin und Vorsorge Psychologie Schwangerschaft Sexualität und Liebe Kochen Reisen Ratgeber Deutschland Fernreisen Hotels Inseln Kreuzfahrten Mallorca Urlaub News Ratgeber Geldanlagen Mieten Rente Steuern Verbraucher Versicherungen Vorsorge Mediathek pets - Tiere Nachhaltig leben

Auto Autokauf Fahrberichte Fahrrad Motorrad News

Gesundheit Ernährung und Diät Fitness Medizin und Vorsorge Psychologie Schwangerschaft Sexualität und Liebe

Reisen Ratgeber Deutschland Fernreisen Hotels Inseln Kreuzfahrten Mallorca Urlaub News

Ratgeber Geldanlagen Mieten Rente Steuern Verbraucher Versicherungen Vorsorge

Bilder Bilder aus Düsseldorf

Bilder aus Düsseldorf

Videos Videos NRW Videos aus Politik und Wirtschaft Videos aus dem Kultur- und Panorama-Ressort Videos aus dem Leben-Ressort Videos aus dem Sport-Ressort

Videos aus Politik und Wirtschaft

Videos aus dem Kultur- und Panorama-Ressort

Videos aus dem Leben-Ressort

Videos aus dem Sport-Ressort

Newsletter abonnieren


© RP Online