Wie mein Junge das Essen lernte
14. Juni 2026 – 29. Siwan 5786
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Wie mein Junge das Essen lernte
Lange verzweifelte unser Autor an den Speisegewohnheiten seines Sohnes. Ein Jahr vor dessen Barmizwa unternimmt der Vater einen letzten Versuch: Gemeinsam begeben sie sich auf eine kulinarische Weltreise durch ihre Heimatstadt
Nach der Entwöhnung von der Mutterbrust aß unser Sohn ein Jahr lang eigentlich alles. Dann wurde er drei, und zack – plötzlich ging gar nichts mehr. Sein Speisezettel beschränkte sich fortan auf die folgenden Gerichte: 1.) Brote, die dick mit Philadelphia bestrichen waren, 2.) Hotdogs, naturgemäß durften es nur die koscheren von Abeles & Heyman sein, 3.) Pizza mit Tomatensauce, 4.) Erdbeerjoghurt, aber bitte ohne ekelige Fruchtstücke, 5.) Fuji-Äpfel (Baruch haschem! Immerhin!). Geübte Leser erkennen sofort, was in dieser Liste fehlt: Gemüse jeglicher Art.
Dann wurde unser Sohn zwölf. Und beinahe über Nacht entdeckte er (erstens) Rühreier und (zweitens) Kartoffeln. Und Spaghetti mit Tomatensoße. Er war sogar bereit, Karotten wenigstens zu probieren, halleluja! Danach beschloss ich, mit ihm eine Fressorgie quer durch New York zu unternehmen. Schließlich ist unsere Heimatstadt (800 Sprachen, ungezählte Religionen) ein Ort, wo man eine kulinarische Weltreise unternehmen kann, ohne auch nur das Stadtviertel zu verlassen.
Kulinarische Weltreise, ohne das eigene Viertel verlassen zu müssen
Wir begannen in Chinatown. Ich wollte unserem Sohn die Gelegenheit geben, eine Parallelgesellschaft zu erleben, die nicht im Traum daran denkt, sich kulinarisch dem American Way of Life anzupassen, und dabei bestens funktioniert. Ich gestehe: Das Restaurant, das wir aufsuchten, war nicht koscher. Selbstverständlich gibt es in New York auch koschere Chinesen. Das funktioniert dann so, dass die Köche aus China stammen und ein Maschgiach aufpasst, dass sie nicht die milchigen mit den fleischigen Tellern verwechseln.
Aber ich wollte authentische Atmosphäre, und das heißt: fröhliche chinesische Großfamilien sowie Resopal-Tische, die zwecks Reinigung mit grünem Tee abgewischt werden. Ich bestellte unserem Sohn kalte Sesamnudeln und zeigte ihm, wie man mit Stäbchen hantiert. Außerdem informierte ich ihn, dass es in China – einer uralten Kulturnation, die vieles mit dem Judentum gemein hat – keineswegs als unhöflich gilt, Nudeln der Länge nach geräuschvoll einzusaugen. Er schlürfte und sprach die goldenen Worte: »Tati, kann ich das hier bitte für den Rest meines Lebens essen?«
Sonntagsausflug nach Harlem
Eine Woche später unternahmen wir einen Sonntagsausflug nach Harlem. In einer Kirche sang ein Gospelchor so herzzerreißend schön, dass unser Sohn am liebsten hineingegangen wäre und mitgesungen hätte. Ich hatte uns ein Restaurant ausgesucht, das sich auf Soul Food spezialisiert hat, die traditionelle Küche der Schwarzen aus den Südstaaten. Als Erstes stellte die Kellnerin uns in einem Körbchen herrliches gelbes Maisbrot auf den Tisch. Manche sagen, dies sei gar kein Brot, sondern Kuchen, denn die Schwarzen tun jede Menge Zucker hinein – aber was ist........
