Wenn alles zu viel ist
27. Oktober 2026 – 16. Cheschwan 5787
AboAngebote PrintAngebote E-PaperAbo-Service
AboAngebote PrintAngebote E-PaperAbo-Service
Wenn alles zu viel ist
Erstarkende Extreme, Gedanken ans Auswandern, Rechtfertigen im Alltag – eine virtuelle Begegnung mit Jüdinnen und Juden und der Frage: Wie gehtʼs dir?
Miriam geht eigentlich fast nie an den alten Koffer. Der braune, stabil wirkende Kasten mit den angejahrten Verschlüssen liegt irgendwo im ersten Stock und wartet auf nichts. Wenn Miriam ihn öffnet, dann sieht sie drei Dinge: ein Schwarz-Weiß-Bild ihrer großen Familie, einen handgeschriebenen Zettel ihrer Kinder und eine Visitenkarte ihres Mannes mit einem Zitat, geschrieben von ihrer Tochter. Andere Dinge liegen nicht darin – noch nicht. Doch der Gedanke, diesen Koffer einmal packen zu müssen, der ist bei ihr in den vergangenen Jahren immer präsenter geworden.
Miriam ist mit ihrer Familie in Deutschland verwurzelt, aber ihr ist – nicht zuletzt durch den Koffer – auch bewusst, dass alle jederzeit gehen könnten: »Er erinnert mich an die Vergangenheit, die in die Gegenwart und Zukunft hineinwirkt. Und das ist für mich so ein Sicherheitsgefühl. So. Ich kann immer gehen. Ich spreche fünf Sprachen. Ich habe Freunde in der ganzen Welt. Ich bin mega vernetzt.« Ihr Mann sei im Handwerk tätig, und damit stehe der kleinen Familie eigentlich die Welt offen, beschreibt Miriam.
Wo gibt es noch Sicherheit?
Was auf den ersten Blick einfach aussieht, ist allerdings ein Thema, das viele Jüdinnen und Juden beschäftigt: Wie kann man in Deutschland leben, ohne sich einschränken zu müssen? Wie ist das Befinden nach den politischen Rechts- und Linksrucken in den vergangenen Wochen? Wo gibt es noch diese Sicherheit, als Jüdin und Jude frei durch die Stadt, durch das Dorf gehen zu können, ohne das Gefühl haben zu müssen, es wird einem im schlimmsten Fall niemand zu Hilfe kommen, wenn man wegen eines T-Shirts, einer Kette, einer Kippa womöglich, angefeindet, ja sogar angegriffen wird?
Wie kann man in Deutschland leben, ohne sich einschränken zu müssen?
Wie kann man in Deutschland leben, ohne sich einschränken zu müssen?
Um diese Fragen anzusprechen, haben Jessica von »Meet a Jew« und die Psychologin Judith zu einem Open Screen eingeladen, einem virtuellen Raum, in dem all das angesprochen werden kann, was einem auf dem Herzen liegt. »Es gibt auf jeden Fall diesen Redebedarf in der Community«, sagt Jessica, die selbst eine lange Erfahrung als Ehrenamtliche bei dem Zentralratsprojekt hat. Der Ausgang der Wahlen in Sachsen-Anhalt habe sie, die mit dem Bundesland sehr verbunden ist, angeregt, darüber nachzudenken, wie es wohl für andere junge und ältere Menschen sei, mit diesem Wahlergebnis und mit den Stimmungen, die dieses Resultat gesellschaftlich mit sich bringt, umzugehen. »Deswegen«, sagt Jesscia, »haben wir den Screen auch........
