Nächstes Jahr in Palermo
28. April 2026 – 11. Ijar 5786
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Nächstes Jahr in Palermo
Über Jahrhunderte war das Judentum fester Bestandteil Siziliens. Dann wurde es mehr als 500 Jahre lang dem Vergessen preisgegeben. Die Geschichte einer Wiederentdeckung
In seinem literarischen Meisterwerk Der Leopard zeichnete der Aristokrat Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896–1957) das Sittengemälde eines Siziliens, dessen traditionelle Lebensformen und sozialen Hierarchien der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft weichen müssen, um einem unabhängigen Nationalstaat Italien Platz zu machen. Die Geschichte handelt von Adeligen und Bauern, Soldaten und Beamten, Priestern und Politikern, Konservativen und Revolutionären. Doch Juden tauchen in der Welt des Leoparden nicht auf – nicht einmal ihre Spuren.
Ihre Abwesenheit ist kein literarisches Versehen, sondern die Folge von Vertreibung und Zwangskonversion, denen ein jahrhundertelanges Vergessen folgte. Zu der Zeit, in der der Roman spielt, existierten auf Sizilien keine jüdischen Gemeinden mehr. Das Judentum schien aus dem gesellschaftlichen Leben und dem Bewusstsein der Bewohner einfach verschwunden, obwohl es doch über viele Jahrhunderte hinweg fester Bestandteil der Gesellschaft war und die Insel kulturell stark geprägt hatte.
Abruptes Ende des jüdischen Lebens
Jüdisches Leben auf Sizilien lässt sich bis in die römische Antike zurückverfolgen. Im Mittelalter waren in zahlreichen Städten sogenannte Giudecche zu finden, jüdische Viertel. Historiker gehen davon aus, dass gegen Ende des 15. Jahrhunderts zwischen 25.000 und 37.000 Juden auf der Insel lebten – was bis zu acht Prozent der damaligen Bevölkerung entspricht. Gemeinden existierten in großen und kleinen Städten wie Palermo, Messina, Syrakus, Trapani oder Agrigent.
Das Ende der jüdischen Gemeinschaft kam abrupt. Als die katholischen Monarchen Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón 1492 die Vertreibung der Juden aus allen ihren Territorien anordneten, galt dieses Edikt auch für Sizilien, das damals zur Krone Aragóns gehörte. Unter Androhung des Todes mussten Juden die Insel Hals über Kopf verlassen oder zum Christentum übertreten. Ein Teil wanderte ins Osmanische Reich oder nach Nordafrika aus, andere ließen sich auf dem italienischen Festland nieder. Viele konvertierten gezwungenermaßen und verschwanden damit aus den jüdischen Gemeinden, während ihre Nachfahren in der christlichen Mehrheitsgesellschaft aufgingen.
Jüdisches Leben auf Sizilien lässt sich bis in die römische Antike zurückverfolgen.
Jüdisches Leben auf Sizilien lässt sich bis in die römische Antike zurückverfolgen.
Die Geschichte Siziliens war über die Jahrhunderte hinweg von wechselnden Herrschaften geprägt – angefangen mit den Phöniziern und Griechen über die Römer, Byzantiner und Araber bis zu den Normannen, Staufern und spanischen Königen. In dieser Abfolge politischer Systeme gehörten die jüdischen Gemeinden lange Zeit selbstverständlich zur........
