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Der geneigte Antisemit

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24.04.2026

24. April 2026 – 7. Ijar 5786

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Der geneigte Antisemit

In Wien soll das Denkmal des einstigen Bürgermeisters Karl Lueger um 3,5 Grad gekippt werden. Die jüdische Gemeinde sähe die Bronzestatue lieber im Museum. Ein Ortsbesuch

Neben dem »Café Prückel« am Wiener Stubenring versperrt ein Bauzaun die Sicht über den schmalen Platz. Schaut man durch eine Öffnung in der Trennwand, sieht man einen leeren Sockel. Bis vor Kurzem erhob sich hier vor einer ausladenden Platane ein wuchtiges Denkmal, 100 Jahre lang stand es da. Wer in dem benachbarten Ringstraßencafé an einem der Fensterplätze seine Melange trank, blickte auf die monumentale Bronzestatue eines stehenden Mannes – eines Mannes, der die Stadt seit jeher spaltet: Karl Lueger.

In den vergangenen Jahren wurde das rund elf Meter hohe Denkmal mehrfach mit den Worten »Nazi« und »Schande« besprüht. Die Stadtverwaltung wollte die Schriftzüge entfernen lassen, doch es fanden sich Künstler zusammen, die gemeinsam mit Unterstützern aus der Zivilgesellschaft eine sogenannte Schandwache hielten, um die Graffitis an dem Denkmal zu bewahren. Rechtsextreme und Identitäre griffen die Mahnwache an – sie wollten das Monument verteidigen, das sie seit einigen Jahren als Versammlungs- und Identifikationsort begreifen. Für viele Juden der Stadt ein Affront.

Karl Lueger gilt als einer der umstrittensten Politiker Wiens

Karl Lueger gilt als einer der umstrittensten Politiker Wiens. Er war Mitbegründer der Christlichsozialen Partei (CSP) und von 1897 bis zu seinem Tod 1910 Bürgermeister der Stadt. In dieser Funktion schreibt man ihm große Verdienste zu. Lueger verstand es, sich als ein Mann zu inszenieren, der die kommunale Infrastruktur wie Elektrizität, Gas, öffentlichen Nahverkehr und Kanalisation ausbaute. Während seiner Amtszeit entstanden neue Schulen, Kindergärten und Parks, der soziale Wohnungsbau wurde vorangetrieben und die städtische Verwaltung umgestaltet.

Breite Zustimmung fand Lueger vor allem im Kleinbürgertum. Viele waren von der raschen Urbanisierung überfordert und fühlten sich durch steigende Mieten und die Konkurrenz jüdischer Unternehmer bedroht. Der Bürgermeister griff die Ängste auf, leitete sie in populistische, antijüdische Rhetorik um und machte sie zu einem zentralen Pfeiler seiner politischen Strategie.

»Hier in unserem österreichischen Vaterland ist die Lage so, dass die Juden einen Einfluss erlangt haben, der weit über ihre Zahl und Bedeutung hinausgeht«, hetzte er auf Parteiversammlungen. Die Presse sei in jüdischen Händen, ebenso »der weit größere Teil des Kapitals« sowie die »Hochfinanz«. »Die Juden«, rief er seinen Parteifreunden zu, übten »eine Art Terrorismus aus, der kaum schlimmer sein könnte«. Lueger kam zu dem Schluss: »In Österreich geht es vor allem darum, das christliche Volk von der Hegemonie des Judentums zu befreien.«

Einer der größten Bewunderer Luegers setzte den Hass in die Tat um: Adolf Hitler

Keine 50 Jahre später entfalteten die........

© Juedische Allgemeine