menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Worte retten Leben

25 0
08.10.2026

08. Oktober 2026 – 27. Tischri 5787

AboAngebote PrintAngebote E-PaperAbo-Service

AboAngebote PrintAngebote E-PaperAbo-Service

Rechtzeitig miteinander zu sprechen, kann Hass und Gewalt verhindern und Versöhnung möglich machen

Worte sind nicht nur Schall, der verhallt. Worte können eine Welt erschaffen, und sie können eine Welt zerstören. Die jüdische Tradition hat immer um diese besondere Kraft des Wortes gewusst.

Am Anfang der Tora steht nicht eine Tat, nicht ein Kampf und nicht eine Eroberung. Am Anfang steht ein Wort: »Gʼtt sprach: ›Es werde Licht!‹ – Und es ward Licht.« Mit diesem gʼttlichen Wort beginnt die Schöpfung. Das Wort schafft Ordnung aus dem Chaos, es schenkt dem Leben Gestalt und gibt der Welt ihren Sinn. Worte sind niemals bedeutungslos. Sie tragen Verantwortung. Doch manchmal sind es nicht die gesprochenen Worte, die uns beschäftigen, sondern gerade jene, die fehlen.

Auch Schweigen kann eine Botschaft sein. Eine der geheimnisvollsten Stellen der Tora finden wir in der Geschichte von Kajin und Hewel. Die Tora erzählt: »Kajin sprach zu seinem Bruder Hewel.« Aber was sagte Kajin? Wir wissen es nicht. Die Tora nennt keine Worte. Sie erwähnt ein Gespräch und lässt uns über den Inhalt im Dunkeln. Vielleicht will uns die Tora gerade durch diese Lücke etwas lehren. Denn nicht nur das gesprochene Wort kann gefährlich sein. Auch unausgesprochene Gefühle können den Menschen verändern: Neid, Enttäuschung, Kränkung und Zorn. Wenn Menschen nicht mehr miteinander sprechen, entsteht eine gefährliche Stille. Auch die Namen der beiden Brüder erzählen eine tiefere Geschichte. Als Chawa Kajin gebiert, sagt sie: »Ich habe einen Sohn erworben mithilfe des Ewigen« (1. Buch Mose 4,1).

Kajin trägt also einen Namen, der mit Besitz und Gewinn verbunden ist.Der Name Hewel dagegen bedeutet so viel wie Hauch, Atem, Vergänglichkeit. Die Tora erklärt seinen Namen nicht. Aber im Nachhinein klingt er wie eine traurige Vorahnung: Hewels Leben wird tatsächlich nur ein kurzer Atemzug sein. Die Brüder gehen verschiedene Wege. Hewel wird Hirte, Kajin arbeitet als Bauer. Beide bringen Gʼtt ein Opfer dar: Hewel von den Erstlingen seiner Herde, von dem Besten, das er besitzt. Kajin opfert Früchte des Bodens. Die Tora berichtet nur: Das Opfer Hewels wurde........

© Juedische Allgemeine