Sirenen und Schlagzeilen
07. Mai 2026 – 20. Ijar 5786
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Sirenen und Schlagzeilen
Unsere Israel-Korrespondentin Sabine Brandes über das Arbeiten im Ausnahmezustand
Ich habe eine feste Morgenroutine: Während ich den ersten Kaffee zubereite, schaue ich die aktuelle Nachrichtenlage an. Über die Jahre ist das fast ein Reflex geworden. In einem Land wie Israel kann sich über Nacht alles ändern. Das ist kein Klischee, oft geschieht genau das.
Seit 22 Jahren arbeite ich als Auslandskorrespondentin in Israel. Es ist ein kleines Land im Nahen Osten mit rund zehn Millionen Einwohnern und prägt doch regelmäßig die internationale Nachrichtenlage. Entscheidungen aus Jerusalem, Entwicklungen in oder mit einem der Nachbarländer haben oft Auswirkungen weit über die Region hinaus. Entsprechend hoch ist die Aufmerksamkeit in der ganzen Welt.
Es ist mein Tagesgeschäft, unter erheblichem Zeitdruck zu informieren, einzuordnen und zu analysieren – auch im Krieg und unter Raketenbeschuss. Die Grundlagen dafür habe ich in meiner Ausbildung bei einer deutschen Tageszeitung gelernt. Das journalistische Volontariat hat mich vor allem in einer Fähigkeit geprägt, die hier unverzichtbar ist: Schnelligkeit.
Zwei, besser drei Stifte und zwei Notizbücher
Mein Handwerkszeug ist schlicht. Zwei, besser drei Stifte und zwei Notizbücher. Mein Volontärvater sagte immer: »Ein Stift kann kaputtgehen, einer verloren, dann ist es gut, einen dritten zu haben.« Schreiben ist für mich das A und O. Interviews nehme ich zwar auf, aber ich notiere parallel handschriftlich. Alles wird klarer, wenn ich es wortwörtlich »zu Papier bringe«. Während ich zuhöre und mitschreibe, sortiere und gewichte ich bereits. Vieles für die Geschichte, die ich erzählen werde, entscheidet sich in diesen Momenten.
Gleichzeitig gehört natürlich heute Technik dazu. Ein aufgeladenes Tablet ist unverzichtbar. In den vergangenen Wochen hatte ich es ständig griffbereit, als ich aus einem öffentlichen Luftschutzbunker während des Krieges gegen den Iran berichtete. Texte entstehen dann nicht am Schreibtisch, sondern unter Bedingungen, die mit klassischem Redaktionsalltag wenig zu tun haben: in der Kakophonie von Alarmsirenen, weinenden Kindern, bellenden Hunden und verunsicherten Menschen, mitten in der Nacht mit........
