menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Geben statt nehmen

20 0
21.08.2026

21. August 2026 – 8. Elul 5786

AboAngebote PrintAbo-Service

AboAngebote PrintAbo-Service

In der Ehe wie in der Beziehung zu G’tt geht es nicht darum, was uns zusteht, sondern darum, was wir aus Liebe für den anderen tun können

In diesem Wochenabschnitt heißt es (5. Buch Mose 24,5): »Wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat, soll er nicht mit dem Heer ausziehen (…). Ein Jahr lang soll er für sein Haus freigestellt sein, damit er der Frau, die er geheiratet hat, Freude bereitet« (hebräisch: »vesimach et Ischto«).

Raschi (1040–1105) betont in seinem Kommentar zu diesem Vers, dass sich diejenigen irren, die »vesimach et Ischto« mit »Er freue sich mit seiner Frau« übersetzen. Der Vers sei ausschließlich im Sinne von »Er erfreue seine Frau« zu verstehen.

Der Mann hat die Pflicht, seine Frau glücklich zu machen

Mit anderen Worten: Der Mann hat die Pflicht, seine Frau glücklich zu machen. Selbstverständlich darf auch er sich freuen. Doch das Gebot richtet seinen Blick vollständig auf die Ehefrau. Seine Freude ist willkommen, ihre Freude ist seine Verpflichtung.

Der südafrikanische Rabbiner Akiva Tatz hat auf einen bemerkenswerten Unterschied zwischen heutigen Verfassungen und der Tora hingewiesen. Er erklärt, dass moderne Rechtsordnungen vor allem die Rechte des Menschen formulieren: das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Recht auf Eigentum und vieles mehr. Die Tora hingegen formuliert in erster Linie Pflichten: die Pflicht, den Mitmenschen nicht zu bedrängen, die Pflicht, nicht zu stehlen, und viele weitere Gebote.

Letztlich gehören Rechte und Pflichten untrennbar zusammen. Das Recht auf Eigentum setzt die Pflicht der anderen voraus, nicht zu stehlen. Ebenso schützt das Diebstahlsverbot das Eigentumsrecht. Entscheidend ist jedoch, auf welche Seite wir unseren Blick richten. Konzentrieren wir uns auf das, was wir tun müssen, oder auf das, was wir erhalten dürfen? Sind wir auf unsere Pflichten oder auf unsere Rechte fokussiert?

Der Ben Isch Chai (sefardischer Rabbiner, 1832–1909) erzählt die Geschichte von zwei Brüdern. Der eine war wohlhabend, hatte jedoch keine Kinder. Der andere hatte viele Kinder, besaß aber nur wenig Geld. Eines Nachts konnten beide nicht schlafen. Der wohlhabende Bruder litt darunter, dass........

© Juedische Allgemeine