Die vergessene jüdische Geschichte der Goldstadt
20. Juli 2026 – 6. Aw 5786
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Die vergessene jüdische Geschichte der Goldstadt
Vom Schwarzwald aus verkauften Juden einst Schmuck in die ganze Welt. Erst langsam wird diese Geschichte aufgearbeitet. Sie ist nicht immer glänzend – und auch noch nicht vorbei
Ende der 70er-Jahre tauchte in den Pforzheimer Straßen ein junger Israeli mit schwarzen Locken auf. Er hatte in Tel Aviv gelernt, Diamanten zu schleifen, und war seinem Onkel von der Mittelmeerküste in die Stadt am Fuße des Schwarzwalds gefolgt, um damit Geschäfte zu machen. Mit einem Koffer voller Brillanten und ein wenig Deutsch klopfte er nun an die Türen der großen Pforzheimer Schmuckfabrikanten.
Zum Gebet ging er in die Büroetage eines Neubaus im immer noch vom Krieg gezeichneten Zentrum der Stadt. Dort, hinter der Waschbetonfassade, sangen jeden Schabbat um die 20 Juden im Ritus ihrer misrachischen Großeltern. Auch wenn ihre Vorfahren nie einen Fuß in dieses badische Städtchen gesetzt hatten, führten sie hier eine Tradition fort, die jahrhundertelang währte: den jüdischen Schmuckhandel.
Von den jüdischen Schmuckhändlern sind noch zwei übrig
»Genau hier stand der Schrank mit der Torarolle«, erinnert sich Rami Suliman und weist in eine kahle Ecke. Der ehemalige Gebetsraum ist heute sein Büro. Die dichten schwarzen Locken sind ergraut. Er hat es geschafft: Der junge Diamantenschleifer aus Tel Aviv verkauft von Pforzheim aus Edelsteine in die ganze Welt. Aus einem Safe zieht er ein Säckchen aus Samt, lässt die funkelnden Steinchen in seine große Hand rieseln wie Sand.
»Die sind heute kaum 30 Euro wert«, sagt er. Das Geschäft mit den Diamanten sei lang nicht mehr so lukrativ. Von den jüdischen Familien, die in Pforzheim mit Schmuck und Edelsteinen Geschäfte machen, sind noch zwei übrig. Ganz leise geht hier ein Kapitel zu Ende, das die Stadt seit dem 19. Jahrhundert prägte. Es ist eine Geschichte, an die in Pforzheim erstaunlich wenig erinnert – und die gerade erst von Einzelnen aufgedeckt wird.
Kaum einer weiß, dass der jüdische Schmuckhandel nach dem Krieg zurückkehrte.
Kaum einer weiß, dass der jüdische Schmuckhandel nach dem Krieg zurückkehrte.
Aber von vorn. 1767 förderte ein Markgraf die Ansiedlung einer Schmuck- und Uhrenfabrik in dem noch mittelalterlich verschlafenen Städtchen. Es entstanden kleine Manufakturen, die mit der Industrialisierung expandierten: Bereits im 19. Jahrhundert wurden hier Ringe, Broschen, Ketten und Taschenuhren in Serie produziert. Zeitweise kamen 80 Prozent des deutschen Schmucks aus Pforzheim. Und immer mehr jüdische Händler zog es in die »Goldstadt«.
»Baden galt als liberal, hier herrschte Religions- und Gewerbefreiheit«, erklärt Christoph Timm. »Juden waren ab Mitte des 19. Jahrhunderts ihren christlichen Mitbürgern gleichgestellt.« Timm war 32 Jahre lang Denkmalpfleger der Stadt. Und einer der Ersten, der sich mit der jüdischen........
