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»Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden«

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06.10.2026

06. Oktober 2026 – 25. Tischri 5787

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»Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden«

Unsere Autorin ist an der Grenze zu Gaza aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Hier beschreibt sie, wie das Hamas-Massaker ihr Leben verändert hat – und was es mit ihr macht, dass sie und ihr Land plötzlich weltweit als genozidal verleumdet werden

Mein Großvater diente in der französischen Fremdenlegi­on, jener unter Charles de Gaulle. Er erlebte Europa von seiner schlimmsten Seite, und als junger Jude verstand er mehr von der Welt – und davon, wie Juden gesehen und behandelt werden –, als ich es je könnte. Nach seiner Einwanderung nach Israel in den 50er-Jahren lebte er jahrelang in einer Blechhütte ohne Strom oder fließendes Wasser und hielt Wache vor seinem Haus, aus Angst, Räuber oder Terroristen könnten seiner Familie etwas antun.

Er baute sich in Israel ein Zuhause auf, weil er – wie viele andere Juden auch – beschlossen hatte, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Genau das macht für mich das Wesen des Israelischseins aus.

Jeden Tag lief ich wie ein Zombie durch die Straßen Berlins und starrte auf mein Handy.

Jeden Tag lief ich wie ein Zombie durch die Straßen Berlins und starrte auf mein Handy.

Ich bin unter ganz anderen Umständen aufgewachsen. In meiner Kindheit fühlte ich mich sehr sicher. Ich lebte an einem Ort, an dem Juden die Mehrheit bildeten, was für Generationen vor mir ein bloßer Traum war. Ich verbrachte Stunden allein auf den Feldern hinter unserem Haus, und nie kam mir in den Sinn, dass mir in meiner Kleinstadt an der Grenze zu Gaza etwas zustoßen könnte.

Mein Sicherheitsgefühl zerbrach zum ersten Mal

Im Jahr 2005 änderte sich das. Obwohl wir schon seit einigen Jahren mit Raketenangriffen lebten, zerbrach mein Sicherheitsgefühl zum ersten Mal, als eine Freundin aus Kindertagen direkt vor ihrem Haus durch eine Rakete getötet wurde. An jenem Tag verlor ich den Glauben daran, dass mir nichts zustoßen würde – doch mein Vertrauen in die Welt und in unsere Nachbarn jenseits der Grenze blieb bestehen.

Vor 15 Jahren zog ich nach Berlin. Ich lernte die Sprache und die Kultur kennen, fand Freunde und baute mir ein Zuhause auf. Ich wusste, dass es Antisemitismus gibt, und bekam ihn zu spüren – mal von Fremden, mal von Menschen, die ich für meine Freunde gehalten hatte. Doch es war stets klar, dass es sich dabei um eine Minderheit handelte und dass ich in Deutschland geschützt war.

Dann kam der 7. Oktober. Alles, was ich über die Welt zu wissen glaubte, brach in sich zusammen. Das Weltbild, das ich mir mein Leben lang aufgebaut hatte – geprägt von Überzeugungen über das Menschsein, von Rousseau und dem Gesellschaftsvertrag bis hin zum Glauben, dass Menschen sich bei freier Wahl für das Gute und gegen das Böse entscheiden würden –, war zusammengebrochen, und zwar rasend schnell.

In der Woche nach dem 7. Oktober hielt ich zunächst den Atem an, bis meine Eltern in Sicherheit waren. Erst dann begriff ich, welcher Gefahr sie tatsächlich ausgesetzt waren. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass eine Rakete unser Haus treffen könnte. Doch der Gedanke, dass jemand sie in ihrem eigenen Zuhause erschießen könnte, war unerträglich.........

© Juedische Allgemeine