»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«
19. Februar 2026 – 2. Adar 5786
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»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«
Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora
Jenny Havemann, Sana Kisilis, Joel Kohen und Joel Landshut, ihr seid alle von Deutschland nach Israel ausgewandert. Was hättet ihr im Nachhinein gern früher gewusst?Jenny Havemann: Ich wünschte, jemand hätte mich vorgewarnt, wie kompliziert der Universitätswechsel von Deutschland nach Israel ist. Ich war mitten im Studium in Hamburg, als ich Alija gemacht habe. In Israel wurde mir keine meiner bisherigen Leistungen anerkannt, und ich musste komplett von vorn anfangen. Das hat mich sehr frustriert.
Sana Kisilis: Wann war das?
Jenny: Im Jahr 2010. Hätte ich damals gewusst, wie schwierig das ist, hätte ich mich besser vorbereitet, etwa durch noch intensiveres Hebräischlernen. Mittlerweile ist das mit der Anerkennung wahrscheinlich schon besser geworden.
Joel Landshut: Ich hätte gern vorher gewusst, dass man einen Antrag auf doppelte Staatsbürgerschaft stellen muss.
Sana: Ach, muss man das?
Joel L.: Das hat sich jetzt geändert. Als ich 2002 Alija gemacht habe, war das aber noch nötig, nur hatte mir das bei der Jewish Agency niemand erklärt. Als ich nach ein paar Jahren in Israel meinen deutschen Pass in der Botschaft verlängern lassen wollte, hat man mir dort gesagt, dass das nicht ginge, weil ich ja gar kein Deutscher mehr sei. Das war heftig. Nach ein paar Jahren hat sich die Lage wieder geändert, und dann bekam ich auch einen neuen deutschen Pass. Ich hätte mir schon gewünscht, dass mir jemand vor der Alija mehr Informationen über solche Dinge gegeben hätte.
Joel Cohen: Es gibt jetzt eine neue Organisation namens »Shivat Zion«, die sehr viele Informationen und Ratschläge für Olim zur Verfügung stellt. Ohne deren Hilfe hätte ich von vielen Leistungen gar nicht erfahren, die mir als Einwanderer zustehen.
Joel L.: Das ist ja großartig!
Sana: Mein Alija-Prozess verlief zum Glück sehr problemlos. Ich kannte Israel schon vorher sehr gut und hatte das ABC des Israeli-Seins bereits verinnerlicht, bevor ich hergezogen bin.
Joel C.: Mir hätte es einige Sorgen erspart, wenn ich vor der Alija über die israelische Arbeitskultur aufgeklärt worden wäre. Als ich das erste Mal grundlos im Büro angeschrien wurde, war ich total bestürzt. Erst einige Monate später habe ich verstanden, dass das hier nicht ungewöhnlich ist und nicht bedeutet, dass man kurz vor dem Rauswurf steht. Außerdem musste ich auf die harte Tour lernen, dass man Alija besser in Deutschland als in Israel beantragt. Hier herrscht bei der Jewish Agency ein großes Chaos, und ich hatte monatelang keine Ansprechperson. Ich dachte schon, meine Papiere seien fehlerhaft, bis ich erfuhr, dass die für mich zuständige Person seit Wochen krankgeschrieben ist.
Jenny: Wenn man Alija außerhalb Israels beantragt, wird einem außerdem das Flugticket mit 70 Kilogramm Freigepäck bezahlt.
Joel L., du bist Anfang der 2000er mit 22 Jahren nach Israel gekommen, mitten in der Zweiten Intifada. War dir klar, worauf du dich da einlässt?Joel L.: Nein, überhaupt nicht. Das war ein großer Schock für mich, als ich in Israel angekommen bin. Dort gab es wöchentlich Selbstmordattentate, ganze Busse wurden in die Luft gesprengt. Wenn mir jemand an einer Haltestelle irgendwie verdächtig vorkam, bin ich oft einfach abgehauen. Das war eine schwierige Zeit.
Warum bist du nicht direkt wieder zurück nach Deutschland gegangen?Joel L.: Das kam für mich nicht infrage. Der Grund war wohl eine Mischung aus enthusiastischem Zionismus, Verliebtheit in dieses neue Land und einer daraus resultierenden gewissen Blindheit gegenüber den Schattenseiten. Jetzt, wo wir darüber reden, denke ich: War ich meschugge, oder was? Damals habe ich nicht so darüber nachgedacht. Aber ich habe auch Olim kennengelernt, die tatsächlich Israel sehr schnell wieder verlassen haben. Wichtig war und ist für mich die grenzenlose Unterstützung meiner Eltern für mich und meine Entscheidung, in Israel zu leben. Vor allem meine Mutter ist nach wie vor eine treibende Kraft in meinem Leben hier. Sie liebt Israel inbrünstig!
Jenny: Als ich nach Israel kam, war die Intifada noch nicht lange vorbei. Jedes Mal, wenn ich damals im Bus saß, habe ich mich irgendwo panisch festgehalten, so als ob das einen Unterschied gemacht hätte. Die Angst vor Anschlägen war noch sehr präsent.
Joel C.: Meine Großmutter seligen Angedenkens ist ebenfalls während der Zweiten Intifada nach Israel gezogen. Sie war 68 Jahre alt, als sie sich diesen Lebenstraum endlich erfüllt hat. Ich war damals ein Kind und erinnere mich noch, was in der Familie erzählt wurde: Oma fährt nicht mehr mit dem Bus, Oma nimmt jetzt nur noch das Taxi zum Ulpan und so weiter. Das klingt schrecklich, und doch: Meine Großmutter hatte dort die schönsten Jahre ihres Lebens.
Jenny, du bist in Hamburg aufgewachsen und hast 2010 Alija gemacht. Warum?Jenny: Ich sage immer gern, dass ich nach Israel entführt wurde. Das stimmt zumindest ein bisschen. Als ich in der jüdischen Gemeinde in Hamburg meinen späteren Mann kennengelernt habe, hatte der........
