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Deshalb kann man die VAR-Saboteure verstehen

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Debatte um Videobeweis : Deshalb kann man die VAR-Saboteure verstehen

Beim Spiel zwischen Preußen Münster und Hertha BSC sabotieren Fans den Videobeweis. Man muss nicht schwarzsehen für die Zukunft des VAR, um sich darüber zu freuen. Die Aktion beinhaltet einen klaren Auftrag.

Man muss nicht generell schwarz sehen für die Zukunft des Videobeweises im Profifußball, um eine gewisse Freude darüber zu empfinden, dass der Schiedsrichter am Sonntag plötzlich Schwarz sah. Beim Zweitligaspiel zwischen Preußen Münster und Hertha BSC waren zwei Vermummte aus dem Fanblock über den Zaun geklettert, einer von ihnen hatte das Stromkabel vom Bildschirm am Spielfeldrand getrennt.

Als sich Schiedsrichter Felix Bickel dann vor den Bildschirm stellte, um einen möglichen Foulelfmeter zu überprüfen, blieb der Fernseher aus. „Dem VAR den Stecker ziehen“, stand auf dem zugehörigen Plakat im Münsteraner Fanblock. Was offenbarte, dass die Sabotageaktion detailliert geplant war und nicht etwa ein spontaner Akt zivilen Ungehorsams. Der DFB-Kontrollausschuss hat deshalb nun ein Verfahren gegen Preußen Münster eingeleitet.

VAR-Chef: Unmöglich, einheitliche Linie zu finden

Bickel musste sich auf das Urteil seiner Videoassistentin verlassen und entschied auch ohne Bild-Beleg auf Elfmeter. Für dieses Vorgehen gab es anschließend ein Lob von der Schiri GmbH des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Übersehen wurde dabei jedoch, dass es sich bei dem Strafstoß um einen dieser typischen „VAR-Elfmeter“ handelte, auf die sich Spieler längst spezialisiert haben.

Der Kontakt mit „offener“ Sohle am Schienbein des Herthaners Cuisance sah im Standbild viel schlimmer aus als in Normalgeschwindigkeit. Es lässt sich darüber streiten, ob man deshalb einen Elfmeter verhängen sollte oder nicht. Nicht streiten sollte man darüber, dass es sich keinesfalls um eine klare Fehlentscheidung handelte, die einen Eingriff zwingend nötig machte.

Der deutsche VAR-Chef Jochen Drees hat neulich im F.A.Z.-Interview erklärt, er halte es für unmöglich, dass die Schiedsrichter jemals eine einheitliche Linie finden bei der Frage, wann sich der VAR einschalten sollte und wann nicht. Doch trotz dieser Erkenntnis klafft zwischen dem, wie die Schiedsrichter darauf reagieren und dem, was sich viele Fans und Spieler wünschen, eine immense Lücke.

„Dem VAR den Stecker ziehen“Videobeweis-Sabotage durch Vermummte

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Das unverkennbare Bemühen etwa, dem Feld-Schiedsrichter in den der ersten und zweiten Bundesliga Autorität zurückzugeben, indem der Videoassistent weniger eingreift, hat nicht dazu geführt, dass es weniger Diskussionen gibt. Auch ist keinerlei Problembewusstsein dafür zu erkennen, dass es einen relevanten Teil der Fußballszene gibt, der durch den VAR detektierte Abseitsentscheidungen von wenigen Zentimetern ablehnt. Selbst dann, wenn sie schnell getroffen und mit einer Grafik auch im TV-Bild nachgewiesen wurden.

Für viele der Aufregung auslösenden Themen rund um den „Videobeweis“ gibt es verhältnismäßig simple Lösungen. Etwa ein Challengesystem, wie es im Feldhockey seit mehr als zehn Jahren erfolgreich angewendet wird. Und eine Toleranz von fünf Zentimetern bei Abseitsentscheidungen, wie sie die Premier League eingeführt hat. Man muss deshalb nicht generell schwarz sehen für die Zukunft des „Videobeweises“, um zu erkennen, dass der Sabotageakt von Münster auf humorvolle Weise eine klare Forderung an die Schiedsrichter und Regelhüter richtet: endlich Verständnis dafür zu entwickeln, was so viele Fans, Spieler und Trainer am VAR in seiner aktuellen Form stört.

Pirmin ClosséSportredakteur.


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