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Auf dem Eis fehlt Substanz

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Play-offs in der DEL : Auf dem Eis fehlt Substanz

Vor den Play-offs ist die Lage heikel: Die Deutsche Eishockey-Liga ist erfolgreich inszeniert, bleibt sportlich aber unter dem höchsten Maßstab. Die Aufmerksamkeit muss in eine tragfähige Sportstrategie übersetzt werden.

Mit den an diesem Dienstag beginnenden Play-offs wird die Deutsche Eishockey Liga (DEL) zur K.-o.-Liga: Was sich die zehn beteiligten Mannschaften über Monate aufgebaut haben, kann schon ein schlechtes Drittel zerstören. Rund 2,7 Millionen Menschen besuchten die Partien der Hauptrunde, der Schnitt lag bei 7500 Zuschauern pro Spiel – Werte, die hinter dem Fußball von keiner anderen Sportart erreicht werden.

So beeindruckend diese Resonanz ist: Sie ist kein verlässlicher Maßstab für die Leistungsfähigkeit. Bei den Olympischen Spielen in Mailand zeigte sich, dass die Darbietungskraft der DEL-Akteure das internationale Top-Level nur punktuell erreicht. Das ist kein neues Problem, aber eines, das im Licht des Booms schärfer hervortritt: Eine Liga kann zugleich erfolgreich inszeniert sein und sportlich unter dem höchsten Maßstab bleiben.

Selten standen die Chancen für die Kölner Haie besser

Wenn es um die Wucht des Publikumsinteresses geht, ist Köln der auffälligste Standort der Liga. Die Haie führen mit Vorsprung die DEL-Tabelle an. Ihre Partien verfolgen regelmäßig rund 18.000 Menschen. Eine Besonderheit, die über Europa hinaus Eindruck erweckt; selbst zwanzig NHL-Klubs erreichen aktuell diese Auslastung nicht. Die Köln-Arena verdichtet Eishockey zu einem Ereignis: laut, eng, emotional aufgeladen – auch für die Gegner eine beeindruckende Mischung.

Unter Trainer Kari Jalonen trat der achtmalige Meister, der seit 24 Jahren auf den nächsten Titel wartet, taktisch diszipliniert auf und brachte im Angriff Effizienz und Kreativität stimmig zusammen. Den Fixpunkt des Teams bildet Moritz Müller. Seit über zwei Jahrzehnten trägt der Kapitän das Trikot seines Heimatvereins. Die Karriere des 39-Jährigen erzählt von Loyalität, Erfahrung und Kontinuität. Über tausend DEL-Spiele weist seine Bilanz aus – aber noch keinen Titel. Das will Müller in diesem Frühjahr als gereifter Anführer endlich ändern. Selten standen die Chancen besser.

Nicht nur in Köln wirkt vieles stabiler, auch die Liga sammelte wirtschaftlich und organisatorisch Pluspunkte. Die Hauptrundenspiele waren zu über neunzig Prozent ausgelastet. Parallel dazu wuchs die Streamingreichweite der Übertragungen bei MagentaSport um zwanzig Prozent auf 25 Millionen Nutzer. Das Zusammenspiel von Erlebnis vor Ort und digitaler Verfügbarkeit ist ein Anhaltspunkt dafür, dass sich Tradition mit modernen Zugangsformen kombinieren lässt.

Hoher Zuspruch verschafft der DEL Zeit und Ruhe

Dass das DEL-Niveau jenseits der Grenzen selten mithalten kann, wird von vielen Fans (bislang) stillschweigend akzeptiert. Für die Liga ist das trotz allem heikel. Der hohe Zuspruch verschafft Zeit und Ruhe, darf aber die Auseinandersetzung mit der Qualitätsdebatte nicht ersetzen: Sie bemisst sich an Talentförderung, Kaderbreite und Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Spitze.

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Für die Haie sind die nun beginnenden Wochen der Entscheidung die Gelegenheit, einen langen Anlauf zu krönen. Für die DEL geht es darüber hinaus um mehr: Wird es ihr gelingen, die Aufmerksamkeit, die sie inzwischen zuverlässig erzeugt, in eine tragfähige Sportstrategie zu übersetzen – oder bleibt es dabei, dass Begeisterung und Geschäftsmodell inzwischen weiter sind als die Substanz auf dem Eis? Selbstzufriedenheit wäre das falsche Signal.

Marc HeinrichSportredakteur.


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