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Was ist die Steigerung von „total ausgelöscht“?

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Trumps Iran-Ansprache : Was ist die Steigerung von „total ausgelöscht“?

Trump zieht die nukleare Karte, um seine Landsleute mit den Benzinpreisen zu versöhnen. Die NATO kommt nur scheinbar glimpflich davon.

Was ist die Steigerung von „total ausgelöscht“ und „vollständig vernichtet“? Mit diesen und ähnlichen Formulierungen hat Donald Trump wieder und wieder beschrieben, was Amerikas und Israels Luftschläge angeblich mit Irans „Atomprogramm“, mit Teherans „potentiellen künftigen nuklearen Fähigkeiten“ oder sogar mit den „nuklearen Hoffnungen“ des Khamenei-Regimes angerichtet hätten. Die Sätze fielen freilich zwischen dem vorigen Juli und dem Februar dieses Jahres – also vor Beginn des gegenwärtigen Irankriegs. Sie bezogen sich auf den kurzen israelisch-amerikanischen Luftkrieg gegen Iran im vorigen Juni.

Und doch sagte der amerikanische Oberbefehlshaber am Mittwochabend in seiner Fernsehansprache über die dreizehn im März am Golf gefallenen US-Soldaten, sie hätten „ihr Leben gegeben, um zu verhindern, dass unsere Kinder jemals einem atomar bewaffneten Iran gegenüberstehen“. Je stärker die Trump-Regierung in der Kritik steht, sich mit unklaren Zielen in einen großen Krieg gestürzt zu haben, desto stärker rückt sie das nukleare Argument in den Mittelpunkt.

Wie diesmal „in sehr kurzer Zeit“ für alle Zeiten zerstört werden soll, was Trump seit Monaten wider besseres Wissen als restlos ausgemerzt beschrieben hat, verriet er allerdings nicht. Schon gar nicht ging er auf die heiklen Abwägungen im Pentagon ein, wie riskant es wäre, amerikanische Spezialkräfte auf iranischen Boden zu schicken, um dessen hochangereichertes, beinahe waffentaugliches Uran zu bergen.

Mission erfüllt? Iran hält die Weltwirtschaft im Würgegriff

Es liegt nahe, dass die heftigen Angriffe seit dem 28. Februar die nuklearen Möglichkeiten des iranischen Regimes abermals deutlich zurückgeworfen haben. Klar ist, dass das Regime heute über viel weniger Raketen und Drohnen als vorher verfügt, mit denen es Israel oder auch US-Stützpunkte am Golf angreifen könnte; darüber hinaus wurden Produktionsstätten zerstört. Das Regime muss mit allem, was es hat, um sein Überleben kämpfen. Es wird somit auch als Patron und Führungsmacht der sogenannten Achse des Widerstands nicht so bald zu alter Stärke finden. Von der iranischen Marine ist wenig übrig.

Aber gerade das Beispiel der Seestreitkräfte zeigt, wie wenig diese militärischen Erfolge für ein plakatives, wahlkampftaugliches „Mission erfüllt“ genügen. Denn auch eine dezimierte iranische Marine ist in der Lage, faktisch die Straße von Hormus zu sperren und so die Weltwirtschaft im Würgegriff zu halten. Das Regime ist trotz der gezielten Tötungen des Obersten Führers und weiterer mächtiger Anführer nicht weg – und seine „nuklearen Hoffnungen“ haben sich nach gut einem Monat Krieg sicher nicht verflüchtigt.

Deshalb hatte Trump außer bombastischem Selbstlob nicht viel zu sagen, als er sich nach den wilden Interviews und Onlinebotschaften der vergangenen Tage nun im Fernsehen an alle Amerikaner wandte. Fürs Erste mag er damit durchkommen. Die Verachtung für die Islamische Republik in der amerikanischen Bevölkerung und der Trump-Führerkult in der MAGA-Bewegung sind stark genug, dass der Präsident keine akute Aufwallung des Volkszorns befürchten muss. Aber zu Nervosität haben seine Republikaner sieben Monate vor der Kongresswahl reichlich Anlass.

Die Straße von Hormus ist auch Amerikas Problem

Dass Trump seit einigen Tagen immer öfter auf seine jahrzehntealte Losung zurückgreift, er wolle sich „am liebsten das Öl nehmen“, musste viele Wahlkämpfer zusätzlich nervös machen. Denn es deutet an, dass der Präsident in seinen Allmachtsphantasien auch einen langfristigen Krieg für möglich hält. Es war kein Zufall, dass seine Redenschreiber unmittelbar nach dem für Trump eher ungewöhnlichen Eingeständnis, dass sich viele Amerikaner um den „kurzzeitigen Anstieg“ der Benzinpreise sorgten, gleich wieder die nukleare Karte zogen: die erpresserischen Angriffe auf Frachter im Persischen Golf seien ein weiterer Beweis, dass Iran nie Atomwaffen haben dürfe.

Allerdings entkräftete Trump an der Stelle auch sein Argument, die Straße von Hormus sei ein Problem allein der Europäer und Asiaten, die auf ihre Öllieferungen aus den Golfländern warten. Wäre das Energiewunderland USA tatsächlich autark, dann müsste Trump ja keinen Wählerzorn an den Tankstellen fürchten.

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Amerikas bange Partner konnten aus Trumps inmitten wüster Beschimpfungen und Drohungen kurzfristig angekündigten Ansprache allenfalls eines lernen: Von Abgesängen auf die NATO verspricht sich der Präsident innenpolitisch derzeit nichts. Seine zuletzt täglichen Breitseiten gegen die undankbaren „Feiglinge“ in Europa, welche die westliche Allianz zu einem „Papiertiger“ machten, hat er bei dieser Gelegenheit nicht wiederholt.

Sie sind wohl in erster Linie Versuche, die Verbündeten gefügig zu machen. Da geht Trump mit „Freunden“ nicht anders um als mit Feinden wie dem iranischen Regime. Zur Beschwichtigung der Amerikaner (und der Weltmärkte) trüge ein NATO-Austritt wohl selbst in der Meinung von Trumps engsten Beratern nicht bei. Deshalb fehlten die einschlägigen Drohungen in der Ansprache.

Doch das ist für die Alliierten allenfalls ein schwacher Trost. Denn es heißt ja noch lange nicht, dass sie wieder auf eine unbedingte Bereitschaft Washingtons bauen könnten, jeden Zentimeter Bündnisgebiet zu verteidigen. Wird Trump auch das eines Tages wieder behaupten?

Andreas RossVerantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

Verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.


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