Schwein oder nicht Schwein? Das war hier die Frage
In dieser wahnsinnig gewordenen Welt macht es wohl mehr Sinn, sich auf den großen Wahnsinn zu konzentrieren und den kleinen Wahnsinn unter den Tisch fallen zu lassen – das dürften sich wohl jene Europaabgeordneten und Vertreter des Rats gedacht haben, die Donnerstagabend der Schnapsidee, die Sprachpolizei in die europäischen Supermärkte zu schicken, ein vorläufiges Ende bereitet haben. Zumindest ein Jahr lang dürfen in den Reformläden Sojawürste von der Decke baumeln und Veggieburger die Kühlvitrinen schmücken, dürfen vegane Fleischer Lupinen schlachten und Seitan zu Grammeln pressen. Der Streit um Bezeichnungen für vegetarische Fleischprodukte ist beigelegt. Allen Beteiligten gebührt für diese Entscheidung großer Dank.
Dass der realsozialistisch anmutende Wunsch nach Zensur ausgerechnet aus jenem bäuerlich-konservativen Kombinat kam, das stets nach Deregulierung, freier Marktwirtschaft und individueller Entscheidungsfreiheit ruft, wenn es darum geht, den europäischen Umweltschutzvorgaben die Milchzähne zu ziehen, ist nur eine Facette dieses zum Glück nur kurzen Trauerspiels. Den Selchfleisch-Politkommissaren bleibt nun die Peinlichkeit erspart, der fassungslosen europäischen Öffentlichkeit erklären zu müssen, warum EU-Bürger einerseits mündig genug sein sollen, um zwischen Pkw-Antriebsarten zu wählen, aber andererseits nicht in der Lage, ein Steak von einem Stück Tofu zu unterscheiden.
Mindestens ebenso erstaunlich ist allerdings, dass die handelnden Personen offenbar nichts aus dem Debakel rund um die Abschaffung der Zeitumstellung gelernt haben. Der damalige Reformeifer der EU-Kommission fiel wie ein Soufflé in sich zusammen, als klar wurde, dass der in Mitteleuropa lautstark artikulierte Wunsch nach ewig währender Sommerzeit vom geografischen Längen- und Breitengrad abhängt.
Die Erkenntnis, dass es keine so gute Idee ist, eine Union mit 27 Mitgliedern und 450 Millionen Bürgern nach den Vorstellungen einer Interessensvertretung takten zu wollen, ist nicht neu. Wie die jüngste Episode zeigt, muss diese Erkenntnis immer wieder aufs Neue mühevoll errungen werden, weil sie flüchtig ist wie der Rauch, der aus einer undichten Räucherkammer entweicht. Und so bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als darauf zu warten, bis der nächste Hanswurst die nächste Tofusau durchs europäische Dorf treibt.
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