Ist das Osternest einmal leer, hilft keine Eierpreisbremse mehr
Zu Beginn ein halblustiges österliches Rätsel. Wenn in einem Korb zehn Eier und zehn Euro liegen, dann kommt auf ein Ei genau ein Euro. So weit, so gut. Und nun die – Achtung, Kalauer – Preisfrage: Was müsste man in unserer kleinen Versuchsanordnung tun, damit ein Ei zwei Euro wert ist? Die Antwort lautet: entweder weitere zehn Euro in den Korb legen oder fünf Eier herausnehmen.
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Ist das Osternest einmal leer, hilft keine Eierpreisbremse mehr
Wenn Sie sich spätestens jetzt die Frage stellen sollten, ob der Autor dieser Zeilen noch seine sieben Zwetschken beisammen hat, dann lautet die Antwort: Ja. Das Beispiel verdeutlicht den Unterschied zwischen einer nachfrage- und einer angebotsseitigen Inflation. Im ersten Fall bleibt die Zahl der Eier gleich, aber die Geldmenge erhöht sich. Im zweiten Fall bleibt die Geldmenge gleich, aber die Eier werden weniger.
Auch die Rezepte gegen diese zwei Teuerungsarten sind unterschiedlich. Eine nachfrageseitige Inflation bekämpft man mittels Verknappung der Geldmenge – etwa durch höhere Leitzinsen. Bei einer angebotsseitigen Teuerung wiederum muss die Menge des knapp gewordenen Guts erhöht oder durch andere Güter ersetzt werden. Gelingt dies nicht, bleibt der Wirtschaft nichts anderes übrig, als sich an die veränderte Angebotslage anzupassen – sprich so lange schrumpfen, bis sie mit fünf statt mit zehn Eiern auskommt.
Damit sind wir in unserer halblustigen Gegenwart angelangt, in der Regierungen nach Kräften versuchen, den durch den „kleinen Ausflug“ (© Donald Trump) der US Air Force in den Iran verursachten Preisanstieg abzufedern. Wenn durch die Blockade der Meerenge von Hormus grob geschätzt ein Achtel des täglich konsumierten Öls vom Weltmarkt abgeschnitten ist, dann haben wir es mit dem klassischen Fall eines angebotsseitigen Schocks zu tun, dem mit Steuer- und Geldpolitik kaum beizukommen ist. Anders ausgedrückt: Ist das Osternest einmal leer, hilft keine Eierpreisbremse mehr.
Im Gegenteil: Derartige Maßnahmen kosten viel, sie dämpfen das Preissignal und erschweren letztendlich die Anpassung der Verbraucher an die neue Angebotslage. Dass sie dennoch gesetzt werden, hängt erstens mit der Tatsache zusammen, dass derartige Preisschocks die Wähler je nach ihrer finanziellen Lage unterschiedlich stark treffen – was politisches Gift ist. Und zweitens mit der Hoffnung, dass der Krieg bald vorbei ist.
Ein teurer Trugschluss
Letzteres ist ein Trugschluss. Selbst wenn der Krieg morgen enden sollte, wird das iranische Damoklesschwert, das von nun an über dem Persischen Golf hängt, Öl und Gas nachhaltig verteuern. Bis die zerstörte Infrastruktur wieder repariert ist, werden Jahre vergehen. Und das ist noch das optimistische Szenario, denn im Nahost-Porzellanladen lässt sich mit relativ wenig Krafteinsatz noch viel mehr zertrümmern.
Wie kommen wir da raus? Am ehesten mit einem Mix aus angebots- und nachfrageseitigen Maßnahmen. Es geht um verhaltensökonomische Anreize, die Energienachfrage dort dämpfen, wo es der Wertschöpfung am wenigsten wehtut. Um die Stärkung der europäischen Marktposition – etwa durch auf EU-Ebene koordinierte Gaseinkäufe. Um das Zulassen der Preisfindung auf dem Markt, ohne die eine Wirtschaft nicht effizient funktionieren kann. Und um den Ausbau autonomer europäischer Energiequellen – sowohl erneuerbarer als auch fossiler und nuklearer Natur. Denn Wind, Wasser, Sonnenlicht und Atomstrom lassen sich nicht blockieren, tragen zum Green Deal der EU bei und helfen gegen die Erderwärmung.
Dass die heimische Spritpreisbremse am Gründonnerstag in Kraft tritt, ist somit als Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen.
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