In Donald Trumps Zollstube regiert das Chaos
Für einen Mann, der von der Vorstellung beseelt ist, unfehlbar zu sein, war Donald Trumps jüngster Ukas in mindestens einer Hinsicht bemerkenswert: So oft wie am Freitagabend hat sich der US-Präsident wohl noch nie auf Experten berufen. In jedem zweiten Absatz der präsidialen Anordnung zur Einführung neuer Grenzabgaben ist von „Beratern“ oder „hochrangigen Beamten“ die Rede. Deren Argumente sollen Trump nach zweifellos reiflicher Überlegung dazu bewogen haben, Einfuhrzölle in der Höhe von zehn Prozent auf alle Importe in die USA zu verhängen.
So groß kann Trumps Vertrauen in seinen Beraterstab aber doch nicht gewesen sein, denn keine 24 Stunden später setzte der Präsident den Zollsatz auf dem üblichen kurzen Amtsweg – also zwischen ihm selbst, seinem Smartphone und dem Trumpschen sozialen Netzwerk Truth Social – von zehn auf 15 Prozent herauf. All die sorgfältigen Argumente von einer fundamentalen Unwucht in der Zahlungsbilanz der Vereinigten Staaten, die eine ebenso sorgfältige Neukalibrierung der Zollsätze notwendig machen würden, waren damit für den Hugo. Was bleibt, ist ein riesengroßes güldenes Fragezeichen, das über dem Weißen Haus schwebt, wie es in Zukunftsfilmen aus Hollywood sonst nur außerirdische Raumschiffe tun.
Man kann die aktuelle Wirtschafts- und Handelspolitik der USA unterschiedlich benennen: als originell oder erfrischend unorthodox, als problematisch oder clever, als weitsichtig oder myopisch – oder als den Beginn eines neuen „Goldenen Zeitalters“, wie es auf der Website der Präsidentenkanzlei heißt. Wobei die Frage, ob dieses Zeitalter für die USA oder China golden sein wird, dort leider unbeantwortet bleibt. Was die unzähligen großen wie kleinen Konsequenzen all dieser regulatorischen Aktivitäten anbelangt, bietet sich allerdings ein amerikanischer Alltagsbegriff an, der aufgrund seiner Wortwahl an dieser Stelle besser unübersetzt bleibt: Clusterf***.
Dieses von Trump und seiner Entourage gestiftete Chaos in seiner Gesamtheit zu überblicken, ist mittlerweile ein Ding der Unmöglichkeit. Welche effektiven Zollsätze kommen nun auf die Welt zu, da nur ein Teil der jüngsten Grenzgebühren vom US-Höchstgericht für illegal erklärt wurde? Werden amerikanische Importeure auf die Rückzahlung der geleisteten Abgaben klagen – und wenn ja, wo? Was können Konsumenten tun, an die die zollbedingten Preiserhöhungen zum Teil weitergegeben wurden? Wie können die USA ohne die Zolleinnahmen ihr Budgetloch von zuletzt sechs Prozent des BIPs stopfen, für das jedes EU-Mitglied durch Sonne und Mond geschossen werden würde? Und was macht Trump, wenn die 150 Tage verstrichen sind, die das neue Zollregime maximal dauern darf? Wir wissen es nicht.
Was wir allerdings mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wissen, ist die Tatsache, dass Trumps Team der schwerreichen Superchecker es auch nicht weiß. Dass die USA auf der Weltbühne torkeln wie ein betrunkener Matrose, hat nichts mit kühl kalkulierter strategischer Ambiguität zu tun, wie es noch zu Beginn von Trumps zweiter Kadenz geheißen hat, sondern mit taktischer Tollpatschigkeit. Man hantelt sich halt von Tag zu Tag, in der Hoffnung auf ein filmreifes Happy End.
Der Abschied von den USA als rationalem Akteur fällt Europa schwer. Der Reflex, auf Washington zu vertrauen, ist schließlich eingeübt. Vielleicht hilft es in diesem Moment, sich Donald Trump nicht als Präsidenten vorzustellen, sondern als Vulkankegel – der keine Lava spuckt, sondern Zölle.
Trump will „weltweiten 10-Prozent-Zoll“ auf 15 Prozent erhöhen
Warum die US-Wirtschaft schwächelt
„Die Amerikaner bezahlen die Rechnung“: Trotz Trumps Zöllen sinkt US-Handelsdefizit nicht
Lesen Sie mehr zu diesen Themen:
