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Psychische und psychiatrische Erkrankungen: Das unterversorgte Land

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27.02.2026

Der Suizid eines psychisch kranken Mannes in der Justizanstalt Josefstadt und die Tötung einer 61-jährigen Frau durch ihren an paranoider Schizophrenie erkrankten Ehemann: Sie sind nur zwei von unzähligen Symptomen einer Versorgungskrise in der Psychiatrie, die sehenden Auges entstanden ist und deren weitreichende Folgen zunehmend deutlicher sichtbar werden. Um die schon seit Jahren prekäre Situation zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die jüngste Entwicklung der Regelpsychiatrie in Österreich, die letztlich zu jenem Phänomen geführt hat, das als „Drehtürpsychiatrie“ bezeichnet wird. Patienten werden also nach einer kurzen, unzureichenden Behandlung im Spital rasch entlassen und müssen – weil es auch im niedergelassenen Bereich keine ausreichenden Kapazitäten mehr gibt – häufig schon in den Tagen darauf mit denselben oder neuen Beschwerden wieder aufgenommen werden.

Zur Veranschaulichung: Während in den vergangenen Jahren die Bevölkerung nicht nur gewachsen ist und durch Krisen wie die Pandemie mental stark belastet wurde, kamen durch Kriege, Flucht und Migration auch viele traumatisierte Menschen nach Österreich. Parallel dazu stieg der allgemeine Drogenkonsum signifikant an – auch im Hochdosisbereich. Dennoch wurde in dieser Zeit die stationäre Psychiatrie regelrecht demontiert. Insbesondere in Wien gibt es zu wenig Betten, was zu einer enormen Fluktuation beim Belag dieser Betten und zur besagten Drehtürpsychiatrie führt. Aufgenommen werden Patienten häufig nur noch in absoluten Krisensituationen – ohne die Möglichkeit auf eine nachhaltige Stabilisierung.

Die eigentlichen Gründe für die Unterversorgung von psychisch kranken Häftlingen

Hinzu kommt, dass eine mehrere Fächer übergreifende Behandlung wegen sehr strenger Auslegungen des Datenschutzes kaum möglich ist. Dabei wäre diese interdisziplinäre Zusammenarbeit gerade bei psychiatrischen Erkrankungen, die häufig chronisch sind, notwendig – auch, weil es an Reha-Einrichtungen fehlt. Hintergrund dieses Kahlschlags in Spitälern zugunsten der ambulanten Versorgung psychisch kranker Personen ist das in fast allen Bereichen der Medizin verfolgte Konzept „ambulant vor stationär“, das nicht nur, aber vor allem in der Psychiatrie von vielen Gesundheitsexperten kritisiert wird. Eine Konsequenz davon ist, dass sich junge Mediziner nicht mehr für den stationären Bereich interessieren. Die meisten von ihnen verlassen nach ihrer Ausbildung das Spital – und mit ihnen Erfahrung und Fachkompetenz. Dabei können Schwerstkranke am effizientesten in einschlägigen Zentren von Spitälern behandelt werden.

Dass unter diesen Bedingungen auch der Maßnahmenvollzug, der zuletzt wegen tragischer Todesfälle wiederholt in die Schlagzeilen geriet und in dem die strukturellen sowie personellen Ressourcen ebenfalls äußerst knapp sind, aus allen Nähten platzt, wird niemanden überraschen. Denn das Begehen eines Verbrechens ist bei einer nicht ausreichend behandelten psychischen Erkrankung häufig nur eine Frage der Zeit. Dabei wird das Leben der Patienten sowie von ihren Angehörigen ebenso zerstört wie das der Opfer von Gewalttaten. Allesamt Folgen eines nachlässig herbeigeführten Versagens der psychiatrischen Regelversorgung in Österreich. Und das im Land von Sigmund Freud.

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