Lasst uns über Fakten reden!
Es ist erstaunlich, wie schnell aus einem „Ich glaube“ ein „Ich weiß“ werden kann. Ein Kollege antwortet drei Tage lang nicht auf eine Nachricht. Am ersten Tag ist er vermutlich beschäftigt. Am zweiten finden wir das langsam unhöflich. Am dritten sind wir überzeugt, dass er uns absichtlich ignoriert. Vielleicht ist er beleidigt, vielleicht hält er sich für etwas Besseres. Und schon steht fest, dass sein Verhalten respektlos ist. Dabei wissen wir eigentlich nur eines: Wir haben drei Tage lang keine Antwort bekommen. Den Rest haben wir selbst hinzugefügt. Unsere Vermutungen, unsere Erfahrungen und unsere persönliche Bewertung. Vielleicht liegen wir damit sogar richtig. Aber aus einer Vermutung wird nicht dadurch eine Tatsache, dass wir fest genug an sie glauben. Und genau hier beginnt ein Problem, das weit über unbeantwortete Nachrichten hinausgeht.
In meiner letzten Kolumne habe ich dafür plädiert, dass wir endlich wieder richtig streiten. Dass Widerspruch kein persönlicher Angriff ist und unterschiedliche Meinungen keine Feindschaft begründen müssen. Doch eine entscheidende Voraussetzung habe ich dabei nur am Rande behandelt: Worüber streiten wir eigentlich? Über Tatsachen? Über unsere Schlussfolgerungen? Oder darüber, wie wir etwas bewerten? Denn so wichtig eine lebendige Streitkultur auch ist, ohne eine gemeinsame Grundlage wird selbst die leidenschaftlichste Diskussion irgendwann sinnlos. Wir können uns stundenlang widersprechen, ohne überhaupt über dieselbe Sache zu reden. Deshalb sollten wir zunächst eine scheinbar einfache Frage beantworten: Was sind eigentlich Fakten?
Fakten sind Sachverhalte, die tatsächlich bestehen. Unabhängig davon, ob wir sie kennen, mögen oder für politisch, gesellschaftlich oder persönlich angenehm halten. Unsere Aussagen darüber können richtig oder falsch sein. Aber können Fakten auch subjektiv sein? Nicht im Sinne einer beliebigen persönlichen Wahrheit. Allerdings können sich Tatsachen durchaus auf subjektive Erfahrungen beziehen. Wenn ich sage, dass mir kalt ist, kann das eine wahre Aussage über mein Empfinden sein. Ein anderer Mensch betritt denselben Raum und findet die Temperatur angenehm. Wir können beide recht haben. Die Temperatur des Raumes verändert sich dadurch allerdings nicht. Ähnlich verhält es sich mit Gefühlen. Wenn ich mich durch eine Bemerkung verletzt fühle, ist diese Empfindung real. Daraus folgt aber noch lange nicht, dass mein Gegenüber mich verletzen wollte. Das eine beschreibt meine Erfahrung, das andere unterstellt eine Absicht. Und ausgerechnet diesen Unterschied übersehen wir erstaunlich häufig.
Noch interessanter wird es, wenn wir von Tatsachen zu gesellschaftlichen und moralischen Bewertungen kommen. Nehmen wir den Satz: „Die Wirtschaft soll den Menschen dienen.“ Ich halte das........
