Der Krieg im fünften Jahr
Aus den Vorträgen des Obersts Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer über den Krieg in der Ukraine und dessen Auswirkungen auf Europa geht man immer sehr informiert, aber auch ziemlich deprimiert weg. Reisner, der zu einer Reihe von höheren Offizieren gehört, die im BH über eine ausgezeichnete Analysefähigkeit verfügen, lässt nicht viel Raum für Illusionen.
Ein Seminar, kürzlich im Rahmen des "Presseklubs Concordia", über vier Jahre Krieg in der Ukraine, brachte zwei wichtige Erkenntnisse, aus denen man folgende Schlüsse ziehen kann:
a) Der Krieg ist – ähnlich wie der Stellungskrieg im Ersten Weltkrieg – weitgehend festgefahren. Ein großer, entscheidender Durchbruch auf dem Schlachtfeld ist von keiner der beiden Seiten zu erwarten, vor allem wegen der neuen Technik des massenhaften Einsatzes von Drohnen. Das verhindert, dass sich genügend massierte Kräfte sammeln können. Auf freiem Feld würden sie abgeschossen. Es ist aber ein Abnützungskrieg – und die entscheidende Frage ist, ob einer der beiden Seiten (oder auch beiden) die Kräfte und der Willen zum Durchhalten ausgehen.
Bedroht ist da eher die Ukraine, weil ihre Zivilbevölkerung unter dem Terror aus der Luft gegen die Energieinfrastruktur leidet. Eine weitere Frage ist, wie sehr der Westen weiter Waffen (Luftabwehr) an die Ukraine liefert. Die USA haben die eigenen Lieferungen eingestellt (nicht aber die ebenfalls lebenswichtige Info), die Europäer liefern, aber zu zögerlich. Auch Russland leidet, aber Putins Herrschaft ist nicht wirklich gefährdet.
Fazit: Das militärische "center of gravity" der Ukraine, also der Kernpunkt der eigenen Stärke, ohne den man nicht weitermachen kann, ist die Hilfe des Westens.
b) Europa müsste erstens mehr liefern und zweitens selbst aufrüsten, um eine weitergehende Bedrohung durch Russland durch Abschreckung abzuhalten. Dass diese Bedrohung existiert, wird in Europa von weiten Kreisen geleugnet oder nicht zur Kenntnis genommen. Dies, obwohl täglich Beweise für einen bereits laufenden verdeckten Angriff der Russen auftauchen. Kürzlich wurden Sabotageanschläge auf drei deutsche Kriegsschiffe in der Ostsee entdeckt.
Dass Putin sich relativ leicht das Baltikum holen könnte, ist eine Tatsache. Dass Länder wie Ungarn und die Slowakei, vielleicht auch Tschechien in sein Lager schwenken könnten, und wir dann die Russen nebenan hätten, dafür gibt es Anzeichen, die man ernst nehmen muss.
Besonders in Österreich werden die imperialistischen Ambitionen Putins immer noch nicht völlig ernst genommen. Wobei Putin ja nicht unbedingt einmarschieren muss, sondern durch Propaganda, Sabotage und Unterstützung der Russenpartei FPÖ Österreich "weichklopfen" kann.
Notwendige Konsequenzen
Österreich hat aber eine wichtige Rolle: "Wir sind in der Mitte Europas", sagt Oberst Reisner. Putins verdeckter Krieg gegen die EU könnte auch viel stärker in Österreich ansetzen – am schwächsten Punkt. Übrigens: FPÖ-Chef Herbert Kickl hat gerade wieder die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland gefordert.
Das Problem ist, dass nicht nur die Österreicher, sondern auch viele andere Europäer, die notwendigen Konsequenzen nicht wirklich ziehen wollen. "Solange die Bedrohung nicht ins Unerträgliche steigt, ist der Mensch nicht bereit, was zu tun", sagt Reisner. Die Gefahren seien zu abstrakt. Es sei schwer, der Bevölkerung das zu vermitteln.
Was übrigens in Österreich auch daran liegt, dass die Regierung es nicht wagt, den vollen Ernst der Situation anzusprechen. (Hans Rauscher, 22.2.2026)
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