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Debatte : Philosoph Slavoj Žižek nach US-Angriff über Iran: Teheran hat Kant falsch verstanden
Einst schrieb er: „Gebt den iranischen Nuklearwaffen eine Chance.“ Heute ist er gegen das klerofaschistische Regime und gegen die Angriffe der USA und Israels. Ihn beschäftigen die intellektuellen Debatten der iranischen Führungsriege
Collage: der Freitag, Material: DPA, iStock
Seit dem 1. März erhalte ich von den Medien zahlreiche Anfragen, etwas zu dem anhaltenden Angriff der USA und Israels auf den Iran zu sagen. Einige erinnerten sich, dass ich am 11. August 2011 inThese Times einen Text veröffentlicht habe mit dem Titel „Den iranischen Nuklearwaffen eine Chance geben: In einer verrückten (englisch: mad) Welt funktioniert die Logik der gegenseitigen garantierten Zerstörung (englisch kurz: MAD) weiterhin”.
Sie fragten mich daher, ob das weiter meine Position sei. Ich muss sie auf zwei verschiedene Weisen enttäuschen: Erstens, nein, das ist heute nicht mehr mein Standpunkt – in meinem Text wies ich damals auf die Komplizenschaft des Westens beim irakischen Angriff auf den Iran hin (die USA stellten dem Irak sogar Satellitenbilder und Giftgase zur Verfügung, um iranische Streitkräfte aufzuspüren und zu töten). Der Angriff hatte zum Ziel, dass der Irak in der Verwirrung nach der Khomeini-Revolution das ölreiche Gebiet nahe der irakischen Grenze einnehmen konnte.
Als der irakische Premierminister Saddam Hussein gefangen genommen und vor Gericht gestellt wurde, forderte der Iran zu Recht, dass auch der Angriff auf den Iran, der mehr als eine Million Opfer gefordert hatte, in die Liste seiner Verbrechen aufgenommen werden sollte. Die USA lehnten diese Forderung ab, da dadurch die Komplizenschaft der USA mit dem Irak offenbar geworden wäre.
Die Proteste im Iran mobilisierten Millionen Frauen
Was jedoch 2022 im Iran geschah – die sogenannten Mahsa-Amini-Proteste – hatte weltgeschichtliche Bedeutung. Die Proteste, die sich auf Dutzende Städte ausweiteten, begannen am 16. September 2022 in Teheran als Reaktion auf den Tod von Amini, einer 22-jährigen Frau kurdischer Herkunft, die in Polizeigewahrsam ums Leben kam.
Sie wurde von der Guidance Patrol, bekannt als islamische „Sittenpolizei“, zu Tode geprügelt, nachdem sie wegen des Tragens eines „unangemessenen“ Hidschabs verhaftet worden war. Die Proteste verbanden verschiedene Kämpfe (gegen die Unterdrückung von Frauen, gegen religiöse Unterdrückung, für politische Freiheit, gegen Staatsterror) zu einem organischen Zusammenklang.
Der Iran unterscheidet sich kulturell vom „entwickelten Westen“, daher unterscheidet sich „Zan, Zendegi, Azadi“ („Frau, Leben, Freiheit“, der Slogan der Proteste auf Persisch) bzw. „Jin, Jiyan, Azadi“ (auf Kurdisch) stark von der „Me-Too“-Bewegung in westlichen Ländern.
Die Proteste im Iran mobilisierten Millionen Frauen und standen in direktem Zusammenhang mit dem Kampf aller, einschließlich der Männer – es gibt keine offensichtliche antimännliche Tendenz, wie es beim westlichen Feminismus oft der Fall ist. Meine Haltung gegenüber dem Iran hat sich nun geändert: keine Atomwaffen für den Iran (und, wie ich hinzufügen möchte, auch nicht für Israel).
Wenn dieses Regime fällt, dann auf die falsche Art und Weise
Was den andauernden Krieg betrifft, so ist an meiner Haltung wenig Neuartiges: Ich bin gegen das klerofaschistische Regime im Iran und gegen die Angriffe der USA und Israels. Wenn dieses Regime fällt, dann auf die falsche Art und Weise. Die Wahl zwischen dem iranischen Regime und den USA unter Trump ist eine falsche Wahl, denn beide gehören zur selben globalen Welt.
Ja, ich verurteile die iranischen Grausamkeiten bei der Unterdrückung der letzten Protestwelle. Aber ich finde auch die Haltung, die der israelische Verteidigungsminister Israel Katz am 4. März 2026 vertrat, obszön: „Jeder politische Anführer, der vom iranischen Terrorregime ernannt wird, um den Plan zur Zerstörung Israels, zur Bedrohung der USA und der freien Welt sowie der Länder der Region und zur Unterdrückung des iranischen Volkes fortzusetzen und zu leiten, wird ein klares Ziel für eine Eliminierung sein. Es spielt keine Rolle, wie er heißt oder wo er sich versteckt.“
Man kann daher die stille (vom Regime zum Schweigen gebrachte) Mehrheit im Iran gut verstehen, die das Regime ablehnt, aber auch skeptisch gegenüber den Maßnahmen der USA und Israels ist – ihre Haltung ist weder von Hoffnung noch von Verzweiflung geprägt, sondern von Unsicherheit und Angst. Wie im Fall Venezuelas erklärte Trump am 6. März 2026 gegenüber CNN, dass die Führung des Iran „kastriert“ worden sei. Er suche nach einer neuen Führung, die die USA und Israel gut behandelt, selbst wenn es sich dabei um einen religiösen Führer handele und die Staatsführung nicht demokratisch sei.
Soviel zu Freiheit und Demokratie. Folglich müssen wir trotz aller Schrecken des iranischen Regimes (das fast ebenso unterdrückerisch ist wie das Saudi-Arabiens) nun den Iran unterstützen. Der Iran kämpft derzeit de facto nicht nur für seine eigene Souveränität, sondern für das globale Prinzip der Souveränität. Die USA und Israel verletzen wiederholt die Souveränität anderer Länder, jetzt sogar die Spaniens. Ja, ein Regimewechsel im Iran wäre zu begrüßen – aber wie wäre es mit einem Regimewechsel in den USA selbst?
Intellektuelle Debatten im iranischen Führungskreis
An dieser Stelle möchte ich mich auf ein scheinbar nebensächliches Thema konzentrieren, das dennoch für unser Verständnis des Iran von entscheidender Bedeutung ist: Der iranische Führungskreis ist geprägt von unglaublich hochkarätigen intellektuellen Debatten, nicht nur von korrupten Brutalisten. Der getötete Oberste Führer Ali Khamenei selbst schrieb Bücher über islamische Ideologie, Regierungsführung und das private spirituelle Leben, darunter An Outline of Islamic Thought in the Quran (Ein Überblick über das islamische Denken im Koran) und The Compassionate Family (Die mitfühlende Familie).
Bis Mitte der 1990er Jahre war die Schlüsselfigur Seyyed Ahmad Fardid (1910–1994), ein prominenter Philosoph und Professor an der Universität Teheran. Er gilt als einer der philosophischen Ideologen der islamischen Regierung des Iran, die 1979 nach der Revolution an die Macht kam. Fardid stand unter dem Einfluss von Martin Heidegger, den er als „den einzigen westlichen Philosophen, der die Welt verstand, und den einzigen Philosophen, dessen Erkenntnisse mit den Prinzipien der Islamischen Republik übereinstimmten“ betrachtete. Diese beiden Persönlichkeiten, Khomeini und Heidegger, halfen Fardid, seine Position zu vertreten.
Farid verurteilte Anthropozentrismus und Rationalismus, die auf das klassische Griechenland zurückgehen und die Autorität Gottes und des Glaubens durch die menschliche Vernunft ersetzten. In diesem Zusammenhang kritisierte er auch islamische Philosophen wie al-Farabi und Mulla Sadra dafür, dass sie die griechische Philosophie übernommen hatten. Fardid prägte den Begriff „Westoxication“ (Vergiftung durch Verwestlichung), der nach der iranischen Revolution von 1979 zu einer der ideologischen Kernlehren der neuen islamischen Regierung des Iran wurde.
Der ehemalige iranische Präsident Mohammed Khatami war ein liberaler Reformgegner muslimischer Hardliner
Der wichtigste liberale Reformgegner dieser muslimischen Hardliner war der iranische Präsident Mohammad Khatami, der einen BA in westlicher Philosophie an der Universität Isfahan erworben hatte. Er war von 1997 bis 2005 im Amt. Khatami hatte sich für Liberalisierung und Reformen eingesetzt. Während seines Wahlkampfs schlug Khatami die Idee des Dialogs zwischen den Zivilisationen als Antwort auf Samuel P. Huntingtons Theorie vom Zusammenprall der Zivilisationen aus dem Jahr 1992 vor. Auf Vorschlag Khatamis erklärte die UNO später das Jahr 2001 zum Jahr des Dialogs zwischen den Zivilisationen.
Während seiner zwei Amtszeiten als Präsident setzte sich Khatami für Meinungsfreiheit, Toleranz und eine zivile Gesellschaft sowie für konstruktive diplomatische Beziehungen zu anderen Staaten, unter anderem auch zu Ländern in Asien und der Europäischen Union, ein. Den iranischen Medien ist es auf Anordnung der Staatsanwaltschaft in Teheran untersagt, Bilder von Khatami zu veröffentlichen oder seine Worte zu zitieren, da er bei der umstrittenen Wiederwahl von Mahmoud Ahmadinejad im Jahr 2009 die unterlegenen Reformkandidaten unterstützt hatte.
Khatami nutzte Jürgen Habermas' Theorien zum kommunikativen Handeln und Dialog, um den „Dialog zwischen den Zivilisationen“ vorzuschlagen, die zum Ziel hatten, Konflikte durch einen Diskurs zwischen dem Westen und der islamischen Welt zu ersetzen. Habermas besuchte die iranische Hauptstadt Teheran im Mai 2002, was einen bedeutenden intellektuellen Austausch während der reformistischen Präsidentschaft von Mohammad Khatami darstellte.
Ali Laridschani entwickelte sich in diesem Krieg vom Pragmatiker zum Hardliner
Teil des Besuchs waren Treffen mit iranischen Intellektuellen und Beamten, bei denen Habermas Themen wie Demokratie, Zivilgesellschaft und die Rolle der Theorie diskutierte. Dabei traf er häufig auf Persönlichkeiten, die islamisches Denken mit modernen, liberalen Konzepten in Einklang bringen wollten. Allerdings verschwand diese Ausrichtung (nicht nur) aufgrund der Unterdrückung durch die muslimischen Hardliner als ernst zu nehmende intellektuelle Kraft.
Unter den jüngeren Tendenzen ist Ali Laridschani zu erwähnen, der jahrzehntelang das ruhige, pragmatische Gesicht des iranischen Establishments war – er verhandelte Atomabkommen mit dem Westen. Doch am 1. März änderte sich der Ton des 67-jährigen Sekretärs des Obersten Nationalen Sicherheitsrates unwiderruflich.
Nur 24 Stunden nach den US-amerikanisch-israelischen Luftangriffen, bei denen der Ayatollah Ali Khamenei und der Kommandeur der Iranischen Revolutionsgarde, Mohammad Pakpour, getötet wurden, trat Laridschani im staatlichen Fernsehen auf und verkündete eine feurige Botschaft: „Amerika und das zionistische Regime (Israel) haben das Herz der iranischen Nation in Brand gesetzt. Wir werden ihre Herzen verbrennen. Wir werden die zionistischen Verbrecher und die schamlosen US-Amerikaner ihre Taten bereuen lassen.“
Politisch war Laridschani ein gemäßigter, pragmatischer Konservativer. Er leitete das iranische Team bei den Verhandlungen mit den USA über das Atomprogramm. Jetzt trat er als Hardliner auf. Nach der Ermordung von Khamenei gilt er als De-facto-Staatsoberhaupt des Iran. Laut der New York Times regiert Laridschani den Iran seit Januar 2026. Er war „verantwortlich für die Niederschlagung der jüngsten Proteste, die ein Ende der islamischen Herrschaft forderten, mit tödlicher Gewalt“. Er ist nun der wichtigste Machtvermittler im Übergang des Iran. Vor einigen Tagen verlor er jedoch das Rennen um das höchste Amt an Khameneis Sohn.
Laridschani schrieb seine Doktorarbeit über Kant
Laridschani hat einen Bachelor of Science in Informatik und Mathematik von der Aryamehr University of Technology und einen Master-Abschluss und Doktortitel in westlicher Philosophie von der Universität Teheran. Ursprünglich wollte er sein Studium der Informatik fortsetzen, wechselte jedoch nach Rücksprache mit Morteza Motahhari sein Fachgebiet. Laridschani hat Bücher über Immanuel Kant, Saul Kripke und David Lewis veröffentlicht.
Er schrieb seine Doktorarbeit über Kant und veröffentlichte anschließend diese drei Bücher: Die mathematische Methode in Kants Philosophie, Metaphysik und die exakten Wissenschaften in Kants Philosophie, Intuition und die synthetischen A-priori-Urteile in Kants Philosophie. (Es sei darauf hingewiesen, dass Laridschani Bücher über wissenschaftlich-kognitive Aspekte von Kants Denken schrieb, nicht über seine praktische Philosophie.)
Der progressive Anti-Postmodernist Stephen Hicks schrieb über Laridschani: „Ich sollte wohl nicht überrascht sein, dass diese Leute niemals Schüler von John Locke, Adam Smith oder John Stuart Mill waren.“ Aber hatte er recht mit seiner Annahme, dass Kants praktisches Denken extremen Autoritarismus rechtfertigen kann?
Kants Ethik der bedingungslosen Pflicht als Rechtfertigung für Mord
In ihrem Werk Eichmann in Jerusalem beschrieb Hannah Arendt präzise diese psychologische Verrenkung, die die Nazi-Täter vollzogen, um ihre grausamen Taten aushalten zu können. Die meisten von ihnen waren nicht einfach böse, sondern sich sehr wohl bewusst, dass sie ihren Opfern Demütigung, Leid und Tod brachten. Der Ausweg aus dieser misslichen Lage bestand darin, dass „die Mörder statt zu sagen: Was für schreckliche Dinge habe ich den Menschen angetan!, sagen konnten: Was für schreckliche Dinge musste ich bei der Ausübung meiner Pflichten mit ansehen, wie schwer lastete diese Aufgabe auf meinen Schultern!“
Auf diese Weise gelang es ihnen, die Logik des Widerstands gegen Versuchungen umzukehren: Die Versuchung, der widerstanden werden musste, war dabei die Versuchung, angesichts menschlichen Leidens dem elementaren Mitleid und Mitgefühl zu erliegen. Ihre „ethische“ Anstrengung richtete sich auf die Aufgabe, der Versuchung zu widerstehen, nicht zu morden, zu foltern und zu demütigen.
Die Verletzung spontaner ethischer Instinkte wie Mitleid und Mitgefühl wird so zum Beweis der ethischen Größe: Um meine Pflicht zu erfüllen, bin ich bereit, die schwere Last auf mich zu nehmen, anderen Schmerz zuzufügen. Hannah Arendt lag jedoch falsch, als sie Eichmanns Selbstdarstellung als Kantianer akzeptierte, der lediglich dem kategorischen Imperativ folgend seine Pflicht darin sah, Hitlers Befehlen zu gehorchen.
Auch Eichmann verwies auf Kants Ethik der bedingungslosen Pflicht
Man sollte hier sehr präzise sein: Die kantische Ethik der Willensautonomie ist keine „kognitive“ Ethik, keine Ethik des Erkennens und Befolgens eines bereits gegebenen moralischen Gesetzes. Der gängigen Kritik zufolge liegt die Begrenzung der kantischen universalistischen Ethik des „kategorischen Imperativs“ (der bedingungslosen Aufforderung, unsere Pflicht zu erfüllen) in ihrer formalen Unbestimmtheit: Das moralische Gesetz sagt mir nicht, was meine Pflicht ist, sondern lediglich, dass ich meine Pflicht erfüllen soll, und lässt so Raum für eine nicht vorgegebene Freiwilligkeit (was auch immer ich als meine Pflicht entscheide, ist meine Pflicht).
Weit davon entfernt, eine Einschränkung zu sein, führt uns genau dieses Merkmal zum Kern der kantischen ethischen Autonomie: Es ist nicht möglich, die konkreten Normen, denen ich in meiner spezifischen Situation folgen muss, aus dem moralischen Gesetz selbst abzuleiten – was bedeutet, dass das Subjekt selbst die Verantwortung übernehmen muss, die abstrakte Anweisung des moralischen Gesetzes in eine Reihe konkreter Verpflichtungen umzusetzen. Die vollständige Akzeptanz dieses Paradoxons zwingt uns, jeden Verweis auf Pflicht als Entschuldigung zurückzuweisen: „Ich weiß, dass dies schwer ist und schmerzhaft sein kann, aber was soll ich tun, es ist meine Pflicht ...“
Kants Ethik der bedingungslosen Pflicht wird oft als Rechtfertigung für eine solche Haltung herangezogen – kein Wunder, dass Adolf Eichmann selbst auf die kantische Ethik verwies, als er versuchte, seine Rolle bei der Planung und Durchführung des Holocaust zu rechtfertigen: Er habe nur seine Pflicht getan und die Befehle des Führers befolgt.
Nach Kant sind wir nicht nur zur Erfüllung der Pflicht verantwortlich, sondern auch dafür, zu bestimmen, was unsere Pflicht ist
Das Ziel von Kants Betonung der vollständigen moralischen Autonomie und Verantwortung des Subjekts besteht jedoch gerade darin, ein solches Manöver zu verhindern, bei dem die Schuld auf eine Figur des großen Anderen abgewälzt wird.
Das Standardmotto ethischer Strenge lautet: „Es gibt keine Entschuldigung dafür, seine Pflicht nicht zu erfüllen!“ Obwohl Kants bekannte Maxime „Du kannst, denn du sollst!“ eine neue Version dieses Mottos zu bieten scheint, ergänzt er es implizit durch seine viel unheimlichere Umkehrung: „Es gibt keine Entschuldigung dafür, seine Pflicht zu erfüllen!“ Der Verweis auf die Pflicht als Entschuldigung für die Erfüllung meiner Pflicht sollte als heuchlerisch abgelehnt werden.
Erinnern wir uns an das sprichwörtliche Beispiel eines strengen, sadistischen Lehrers, der seine Schüler gnadenlos diszipliniert und quält; seine Entschuldigung gegenüber sich selbst (und anderen) lautet: „Es fällt mir selbst schwer, diesen Druck auf die armen Kinder auszuüben, aber was soll ich tun – es ist meine Pflicht!“ Genau das verbietet die kantische Ethik: Nach ihr bin ich nicht nur für die Erfüllung meiner Pflicht verantwortlich, sondern auch dafür, zu bestimmen, was meine Pflicht ist.
Russischer Gouverneur macht Kant für den ukrainischen Widerstand verantwortlich
Anton Alikhanov, der Gouverneur der russischen Exklave Kaliningrad, hatte also recht, als er kürzlich sagte, dass Kant, der sein ganzes Leben in der Region Kaliningrad (deutsch: Königsberg) verbrachte, in „direkter Verbindung“ zum Krieg in der Ukraine stehe. Laut Alikhanov war es die deutsche Philosophie, deren „Gottlosigkeit und Mangel an höheren Werten“ mit Kant begann, die die „soziokulturelle Situation“ schuf, die unter anderem zum Ersten Weltkrieg führte: „Heute, im Jahr 2024, wagen wir zu behaupten, dass nicht nur der Erste Weltkrieg mit dem Werk Kants begann, sondern auch der aktuelle Konflikt in der Ukraine. Hier in Kaliningrad wagen wir die These – obwohl wir eigentlich fast sicher sind –, dass gerade in Kants Kritik der reinen Vernunft und seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten […] die ethischen, wertorientierten Grundlagen des aktuellen Konflikts gelegt wurden.“
Der Gouverneur bezeichnete Kant weiter als einen der „geistigen Schöpfer des modernen Westens“ und sagte, der „westliche Block, der von den USA nach ihrem eigenen Bild geformt wurde“, sei ein „Reich der Lügen“. Kant werde im Westen als „Vater fast aller Dinge“ bezeichnet, darunter Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Liberalismus, Rationalismus und „sogar die Idee der Europäischen Union“.
Und wenn die Ukraine im Namen dieser westlichen Werte Widerstand gegen Russland leistet, ist Kant faktisch auch für den ukrainischen Widerstand gegen Russland verantwortlich. Alikhanovs „verrückte“ Aussagen sind daher eine nützliche Erinnerung an die hohe metaphysische Bedeutung des anhaltenden Krieges zwischen Russland und der Ukraine. Alikhanov hat auch in einer anderen Hinsicht recht: Kant hat den Mythos vom heiligen Ursprung der Rechtsstaatlichkeit brutal zerstört und deutlich gemacht, dass der Ursprung jeder Rechtsordnung illegale Gewalt ist – eine Lehre, die für den von Alikhanov vertretenen russischen Spiritualismus inakzeptabel ist.
Mörderische Fanatiker, trotz intellektueller Debatten
Man kann nicht umhin, hier eine dem ersten deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck fälschlicherweise zugeschriebene Bemerkung zu zitieren: „Wenn Sie Gesetze und Würstchen mögen, sollten Sie niemals zusehen, wie sie gemacht werden.“
Diese Unvereinbarkeit von Kants Ethik mit der Einschränkung der Autonomie des Subjekts ist meiner Meinung nach der Grund dafür, dass jede Art von kantischer Religionsethik inkonsequent ist. Was also im regierungsnahen iranischen Denken zu fehlen scheint, ist nicht der westliche Liberalismus, sondern die radikale Autonomie des Subjekts, die entgegen unseren Erwartungen eine sehr strenge und harte Ethik begründet.
Es bleibt jedoch die Tatsache, dass unter der iranischen schiitischen Elite, die die Macht innehat, ständig intensive und sehr ernsthafte intellektuelle Debatten stattfinden. Lässt sich überhaupt vorstellen, dass Laridschani, wenn er zum Obersten Führer gewählt würde, mit Trump debattiert, der überhaupt keine Ahnung hätte, wovon Laridschani spricht? Ich überlasse es meiner Leserschaft, zu entscheiden, ob das hohe intellektuelle Niveau der Debatten in der iranischen Führung eine gute oder eine schlechte Sache ist, also etwas, das die Hinwendung zu brutalem Autoritarismus erleichtert.
Der Fall Alikhanov, der Kant kritisiert, wäre ein Argument dagegen, Politikern zu erlauben, über Philosophie zu debattieren – aber wie würde eine Debatte zwischen Laridschani und Alikhanov aussehen? Die einzige traurige Schlussfolgerung, die wir aus dieser Situation ziehen können, ist, dass der Angriff Israels und der USA gemäßigte Vertreter des iranischen Regimes wie Laridschani in mörderische Fanatiker verwandelt hat, die fast so schlimm sind wie der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und sein Verteidigungsminister Israel Katz.
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