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Im Gespräch | Kathleen Reinhardt zur Venedig-Biennale: „Der Osten ist kein ‚weißer‘ Raum“

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09.02.2026

Alle zwei Jahre eröffnet die Kunstbiennale in Venedig, eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt. Wer im Deutschen Pavillon ausstellt, steht im Fokus der nationalen wie internationalen Aufmerksamkeit. 1938 im Auftrag Hitlers umgebaut und danach kaum verändert, ist jede Ausstellung in diesem Gebäude auch ein Kommentar zu deutscher Geschichte und Identität. Kathleen Reinhardt, Direktorin des Georg Kolbe Museums in Berlin, wurde 2025 zur Kuratorin des Pavillons ernannt, im Mai ist die Eröffnung. Reinhardt ist die erste Ostdeutsche in dieser Funktion und wird mit Henrike Naumann und Sung Tieu auch zwei ostdeutsche Künstlerinnen ausstellen.

der Freitag: Frau Reinhardt, in den Vorberichten zum Deutschen Pavillon wird gerne von den „drei jungen ostdeutschen Frauen“ für Venedig gesprochen. Wie nehmen Sie das wahr?

Kathleen Reinhardt: Wir haben in beiden Pressemitteilungen zu Venedig das Wort „Ostdeutschland“ sehr bewusst nicht benutzt. Henrike setzt immer „(DDR)“ hinter ihren Geburtsort Zwickau. Das war der einzige Verweis. Für uns war es interessant, zu sehen, wie die Presse die Ankündigungen aufgenommen und weiter interpretiert hat. Ich wurde in den Interviews bisher fast ausschließlich zu Ostdeutschland befragt, aber kaum zur Kunst. Für mich stand eine ganz andere Frage am Beginn: Welche künstlerischen Positionen können 2026 einen Zeitgeist erfassen?

Warum haben Sie sich für Sung Tieu und Henrike Naumann entschieden?

Eine Leitfrage war, wie man auf der Biennale in diesen extrem politischen Zeiten das Nationale miterzählen kann und trotzdem etwas Neues erzählt. Das tun beide. Seit dem Umbau durch Hitler hat sich das Gebäude kaum verändert. Auf künstlerischer Seite wurde immer wieder mit der Geschichte des Pavillons gearbeitet. Auch ich arbeite gern mit der Geschichte von Orten und Institutionen, um die heutigen Fragen zu verhandeln. Beide Künstlerinnen begreifen Geschichte als formbares Material. Und beide sind durch den Ansatz ihrer künstlerischen Forschung für mich spannend.

Mir ist wichtig, dass es nicht nur eine Ost-Position gibt, die für alle sprechen muss.

Vor zwei Jahren haben Yael Bartana und Ersan Mondtag den Deutschen Pavillon bespielt. Zwei starke Positionen, die aber auch um die Aufmerksamkeit kämpften. Besteht dieses Risiko nicht wieder?

Mir ist wichtig, dass es nicht nur eine Ost-Position gibt, die für alle sprechen muss. Das ist immer die große Gefahr! Wir müssen aus der Reduktion „der Osten“ und „die Ostdeutschen“ herauskommen. Beide Künstlerinnen können uns von einem Osten erzählen, der unterschiedliche Perspektiven und Protagonist*innen hat. Wo die Generationen sehr unterschiedlich denken. Der Osten ist kein........

© der Freitag