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Ostdeutsche Allgemeine Zeitung: Eine kurze Blattkritik der ersten Ausgabe

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20.02.2026

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Debatte : Ostdeutsche Allgemeine Zeitung: Eine kurze Blattkritik der ersten Ausgabe

Viele Interviews, ein freundliches Porträt von AfD-Chef Tino Chrupalla und ein Zanderrezept mit Teltower Rübchen – das ist die erste Ausgabe der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung

Foto: Matthias Rietschel/epd-bild/picture alliance

An diesem Freitag erscheint zum ersten Mal die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung als gedruckte Zeitung in einer Auflage von 43.000 Exemplaren. Künftig wird sie jeden Freitag erscheinen. Daneben gibt es natürlich auch einen breit gefächerten Onlineauftritt. Ich habe jetzt aber erst einmal die Zeitung zu lesen, hier kriegt man den Spirit dieses neuen Projekts des Verlegers Holger Friedrich besser mit.

Viel ist über die Frakturschrift im Logo gespottet worden. Aber die stört mich nicht. Interessant finde ich den Claim: Unabhängig. Mutig. Gewaltfrei. Gewaltfrei klingt für einen Zeitungstitel seltsam. So als wäre eine Zeitung nicht einfach eine Zeitung, sondern ein Wesen. So, als hätte das Unbewusste einen Slogan der Wendezeit hochgespült.

Die Titelzeile der ersten Ausgabe lautet: „Vorsicht, Freiheit“. Illustriert wird es durch ein Megafon, das der OAZ gehört. Abgedeckt wird der Titel durch drei Artikel. Im ersten legt Florian Warweg dar, warum auf der Bundespressekonferenz kaum je kritische Fragen gestellt werden. Kurzantwort: Zu viel Nähe zur Macht der Journalisten.

Warweg kam von den Nachdenkseiten und hat schon als RT-Reporter an den Pressekonferenzen teilgenommen. Das macht seine Beobachtungen nicht falsch. Aber ist das jetzt der Blick eines Ostlers (Warweg) auf den westdeutschen Medienbetrieb, der so nur in einer ostdeutschen Zeitung stehen kann?

Flankiert wird der Artikel durch ein großes Stück „Warum Deutschland verstummt“ von Thomas Faßbender. Es ist immer die gleiche Klage. Laut Umfragen äußern sich mehr als 60 Prozent in der Öffentlichkeit vorsichtiger als früher. Den Artikel hat man so oder so ähnlich schon oft gelesen. In einem Punkt aber unterscheidet er sich: Er vertritt die These, dass sich in den Kulturkampf „zunehmend der Islam einmischen“ wird. Das sei gar nicht zu überschätzen. Dass die OAZ das Zentralorgan eines solcherart erstarkten Islams wird, ist nicht anzunehmen.

Die OAZ ist auch ein wenig die Galore aus dem Osten

Ebenfalls zum Titelthema gehört das Interview, das Dorian Baganz mit Jacques Baud geführt hat. Baud ist ehemaliger Schweizer Offizier und Buchautor von Putin: Herr des Geschehens. Wegen seiner Meinungen zum Ukraine-Krieg steht er auf einer Sanktionsliste der EU. Auf die Frage, wie er den Zustand der Meinungsfreiheit einschätze, sagt Baud: „Es gibt keine mehr.“ Ein großes Interview mit Baud zu führen, ist das, was man einen Scoop nennt. Es steht in dem Buch „Geopolitik“, das es auch in der Berliner Zeitung gibt. Klingt irgendwie zeitgemäßer als Außenpolitik.

Und es gibt die wohl längste Kolumne in einer deutschen Zeitung. Sie ist eine ganze anzeigenfreie Seite lang. Der Schriftsteller und Freitag-Autor Christian Baron lobt Errungenschaften der DDR, die er posthum an verschiedenen Lebensstationen kennenlernte. Die ganzseitige Anzeige daneben wirbt für Akteninvestments und ETFs.

Auffällig ist, dass die OAZ nicht zuletzt ein Bild vom Osten vermitteln will, in dem der Osten als innovativ gezeichnet wird. „Jeder dritte europäische Chip kommt aus Sachsen.“ Der Debattenbeitrag von Silke Friedrich und Holger Friedrich ist gespickt mit solchen Beispielen. Er liest sich seltsam zäh, obwohl er mit Verve geschrieben ist. Es geht um Grundsätzliches.

Dass Friedrich aber Sinn für gute Storys hat, beweist er mit der von den 1500 Dynamo-Ultras bei der Hugenotten-Premiere in der Semperoper. Friedrich und Baganz haben den Fotografen Andreas Mühe und einen damals beteiligten Ultra interviewt. Hier fragt der Chef noch selbst, könnte man sagen. Und es gibt ja auch viel zu fragen. Die Ausgabe ist gespickt mit Interviews. Ich zähle sieben. Die OAZ ist auch ein wenig die Galore aus dem Osten.

Tino Chrupalla auf den Leim gekrochen? Ich denke nicht

Ein wenig ans Neue Deutschland erinnert das Interview mit Florian Huettl, dem Chef von Opel und Stellantis Deutschland. Überschrift: „Eisenach ist eine stolze Automobilstadt“. Befragt wird auch – ist wohl Pflicht – Michael Kretschmer. Porträts gibt es auch jede Menge. „Umstritten“ natürlich dasjenige von Tino Chrupalla. Alexander Dergay hat den Bundesvorsitzenden der AfD durch seinen Heimatort Weißwasser begleitet. Das Porträt ist vom Bemühen getragen, herauszufinden, wie der ehemalige Handwerksmeister tickt.

Aus jedem Satz spricht die Direktive, die AfD und ihr Personal als normale Gegenstände der Berichterstattung zu begreifen. Es entsteht das Bild eines geerdeten Pragmatikers, der genau weiß, wie seine Herkunftswelt funktioniert. Ist man ihm auf den Leim gekrochen? Ich denke nicht. Aber es ändert ja nichts an den politischen Zielen der AfD. Ich hoffe nicht, dass man die dann woanders als in der OAZ lesen muss.

Es gibt natürlich jede Menge Geschichten in dieser ersten Ausgabe, die in dieser kurzen Blattkritik zu kurz kommen, aber interessant sind. So etwa die über wiedererwachendes jüdisches Leben in Dresden. Oder über die Küche der DDR. Dazu ein Zanderrezept, von dem ich nun nicht genau weiß, warum das DDR ist, außer dass die Rübchen aus Teltow und der Weißwein aus Sachsen zu kommen haben hat.

Fast ein wenig subversiver Witz liegt schließlich darin, dass das Fernsehprogramm der im Osten wenig geliebten öffentlich-rechtlichen Sender für Samstag und Sonntag abgedruckt wird.

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